Lasst uns über Endometriose sprechen

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Tu Cam auf Unsplash
traurige Frau
Millionen Frauen leiden weltweit unter Endometriose. Obwohl die Erkrankung schwerwiegende Symptome haben kann, wie große psychische Belastungen und sogar Unfruchtbarkeit, wird sie nur selten von Ärzten erkannt.

Welche Frau kennt es nicht? Einmal im Monat kündigt sich die Menstruation an. Die meisten fühlen sich unwohl, verspüren ein Ziehen im Unterleib, haben Rückenschmerzen, Kopfschmerzen oder beides. Obwohl die Beschwerden beinahe unerträglich stark sein können, werden junge Mädchen in der Schule häufig belächelt. Oft heißt es dann: »Ach, die hat nur keinen Bock!« Im Arbeitsalltag trauen sich nur die wenigsten zu sagen, was wirklich los ist. Sind die Menstruationsschmerzen so schlimm, dass eine Krankschreibung nötig wird, hat man eben eine starke Migräne oder am Abend etwas Falsches gegessen. Die eigene Periode gehört noch immer zu den großen Tabuthemen, die in der Öffentlichkeit nichts zu suchen haben.

WAS IST ENDOMETRIOSE?

Doch was viele Frauen unter Umständen selbst nicht wissen: Hinter den starken Regelschmerzen kann Endometriose stecken – eine chronische Krankheit mit gutartigen Wucherungen. Genauer handelt es sich dabei um Gewebe, ähnlich dem der Gebärmutterschleimhaut (Endoterium). Dieses setzt sich im Unterleib, außerhalb der Gebärmutter, ab. Dort siedelt es sich an Eierstöcken, Eileitern, Darm, Blase oder dem Bauchfell an. In den seltensten Fällen kann es sogar zu einer Ausbreitung auf andere Organe, wie beispielsweise die Lunge, kommen.

Das wuchernde Gewebe wird von den Hormonen des Monatszyklus beeinflusst. Es kann also zyklisch wachsen und auch bluten. Etwa sieben bis 15 Prozent aller Frauen im geschlechtsreifen Alter, also mit Eintritt der Regelblutung bis zu den Wechseljahren, leiden darunter. In Deutschland wird die Zahl der Betroffenen auf etwa zwei bis sechs Millionen geschätzt. Jährlich kommen 30.000 Fälle dazu. Ziemlich erschreckend: Vom ersten Auftreten bis zur Diagnose vergehen im Schnitt noch immer sechs bis zehn Jahre! Der Grund: Die Komplexität der Krankheit. Der Forschung ist es bis heute nicht gelungen herauszufinden, wie es zu einer Endometriose kommt, obwohl sie bereits 1861 erstmals Erwähnung fand.

Es gibt verschiedene Theorien. So kann der Rückfluss des Menstruationsblutes durch die Eileiter in den Bauchraum (retrograde Menstruation) eine mögliche Ursache sein. Aber auch erbliche Veranlagung, Umwelteinflüsse und eine Fehlfunktion des Immunsystems können theoretisch Endotmetriose auslösen. Bestätigt ist bis heute keine der Theorien. Da es sich bei Endometriose um eine Krankheit mit gutartigen Wucherungen handelt, gestaltet es sich immer wieder schwierig, an ausreichend Forschungs-Gelder zu kommen.

Zur Erforschung der Krankheit fehlen die Gelder.

 

WIE ÄUSSERT SICH ENDOMETRIOSE?

Frauen, die unter Endometriose leiden, erfahren häufig selbst viel zu spät von der Erkrankung. Ärzte lassen sich durch die Symptome immer wieder zu Fehldiagnosen verleiten. Denn die Anzeichen können einzeln oder kombiniert auftreten und werden immer wieder als »normale« Regelschmerzen verbucht – oder es kommt zu einer völlig anderen Diagnose.

Unabhängig von den Menstruationsbeschwerden kann es zu sehr starken und unregelmäßigen Monatsblutungen kommen. Schmerzen während des Eisprungs, Bauch- und Rückenschmerzen, die auch in die Beine ausstrahlen – Schmerzen bei gynäkologischen Untersuchungen, sowie während und nach dem Geschlechtsverkehr, treten ebenfalls häufig auf. Auch Ohnmachtsanfälle, ausgelöst durch die Menstruationsschmerzen, gehören zu den möglichen Anzeichen. Genauso wie Blutungen der Blase oder des Darms.

Nun könnte man meinen, dass die Anhäufung mehrerer Symptome und extrem starker Schmerzen auf eine weit vorangeschrittene Ausbreitung der Endometriose schließen lässt. So ist es allerdings nicht. Kleine Verwucherungen können extrem starke Beschwerden auslösen. Stark ausgebreitete Verwucherungen hingegen kaum spürbar sein.

UNFRUCHTBARKEIT: EINE FOLGE DER ENDOMETRIOSE?

Ob und wie sich Endometriose bemerkbar macht, ist also von Fall zu Fall unterschiedlich. Daher sind es die möglichen Folgen ebenfalls. Neben den zyklisch auftretenden Schmerzen, können sich Zysten bilden, sowie Vernarbungen und Verwachsungen entstehen. Endometriose ist allerdings – und da sind sich Experten sicher – die häufigste Ursache für Unfruchtbarkeit. Etwa 70 Prozent der Frauen, die nicht schwanger werden können, erhalten diese Diagnose. In diesen Fällen wurde das wuchernde Gewebe zu spät entdeckt – mögliche Symptome nicht ernst genommen oder fehlinterpretiert.

In diesen Fällen sind die Eileiter so verklebt oder verwachsen, dass eine Befruchtung nicht möglich ist. Wird die Krankheit frühzeitig erkannt, kann eine spezielle Behandlung zur Verbesserung der Fruchtbarkeit durchgeführt werden. Und: Eine Schwangerschaft ist trotz Endometriose nicht völlig ausgeschlossen. Haben die Verwachsungen die Eileiter noch nicht beschädigt, kann es klappen. Wächst das Gewebe während der Schwangerschaft weiter, kann es jedoch bei der Geburt zu großen Komplikationen kommen.

Eine Schwangerschaft ist trotz Endometriose nicht völlig ausgeschlossen.

 

WIE KANN ENDOMETRIOSE BEHANDELT WERDEN?

Bei der ärtzlichen Untersuchung wurden Zysten, Verwachsungen und Narben entdeckt. Auch einige der oben genannten Symptome treten immer wieder auf. Die Wahrscheinlichkeit für eine Endometriose ist also sehr hoch. Um sicher zu gehen, werden in der Regel weitere Spiegel- und Tastuntersuchungen durchgeführt. Die anschließende Gewebeprobe, die bei einer Bauchspiegelung entnommen wird, sorgt für endgültige Gewissheit. Ist die Krankheit ausgeprägt, muss für jede Patientin individuell geklärt werden, wie es weiter geht. Neben der chirurgischen Therapie, einer Schmerz- oder Hormontherapie, kommen auch alternative Heilmethoden in Frage. Bei der Bauchspiegelung, bei der der Arzt über den Nabel in die Bauchhöhle eindringt, können bereits sichtbare Endometrioseherde mit Hitze oder Laser entfernt werden. Gibt es kaum oder keine Beschwerden, müssen die Verwucherungen nicht zwingend operiert werden. Allerdings gilt das nicht für Frauen, die einen Kinderwunsch haben. Hier kann eine Endometriose jederzeit zur Unfruchtbarkeit führen – ähnlich wie unsauber durchgeführte Operationen an den Eierstöcken und Eileitern.

So wird das Nachwachsen der Zellen gebremst

Frauen, die nach einer Operation keinen Kinderwunsch mehr haben, werden oft medikamentös in die Wechseljahre versetzt. Ziemlich unschön: Ab diesem Zeitpunkt kann es zu Osteoporose und Hitzewallungen kommen. Doch nur so kann das Nachwachsen der Zellen gebremst werden. Denn leider können die Verwucherungen mit einer Operation nur zeitweise beseitigt werden, bevor sie erneut anfangen zu sprießen. Nach etwa einem Jahr wird diese Therapie beendet – Patientinnen nehmen dann die Pille im Langzyklus. Heißt: Nach der 21-tägigen Einnahme beginnt dann nicht, wie gewohnt, die 7-tägige Pillenpause. Die Patientin beginnt stattdessen direkt wieder mit der Einnahme der Pille. Die Entwicklung neuer Herde stoppt das allerdings ebenfalls nicht.

Unwissenheit und fehlende Kenntnisse machen Endometriose zu einer Erkrankung, die vor und nach der eindeutigen Diagnose zu einer großen Belastung und langjährigen Behandlung führen kann. Frauen sind durch die ständigen Schmerzen einem großen Leidensdruck ausgesetzt, der sich auf den Körper und die Psyche niederschlägt. Vor allem, wenn junge Frauen fürchten, unfruchtbar werden zu können, ist es nicht einfach, einen geeigneten Weg zu finden, mit der Krankheit umzugehen. Es wird also Zeit, dass die Forschung hier weiterkommt.

Weitere Informationen zu diesem Thema, sowie Unterstützung durch Selbsthilfegruppen und Experten findest Du auf der Website der Endometriose Vereinigung.

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Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

1 Kommentar

xyz
#1 — vor 9 Monaten 2 Wochen
Also über das weibliche Geschlechtsorgan und auch über die Geschlechtsorgane ansich weiß man glaubeich sehr wenig. Oder umgekehrt man will nicht drüber sprechen. Intersexualität und auch sexueller Mißbrauch in der Kindheit sind ja immernoch Tabuthemen. Sowie Geschlechtsumwandlungen, Angleichungen und manchmal glaube ich auch, dass heutzutage auch Bauchhöhlenschwangerschaften möglich sind.
Letztens habe ich mir mal Anatonomiebilder von den Eierstöcken angeschaut ... angeblich sind das muskelartige Gebilde, die sich selbstständig zu den Eierstöcken bewegen, um das reife Ei aufzufangen. Vielleicht verursacht das ja die Schmerzen. Der Eileiter dockt neu an den Eierstock an und tut deshalb weh. Dickdarmschmerz muß ja auch nicht immer etwas Entzündliches sein, sondern einfach nur ein Muskelschmerzen .. oder vertue ich mich da? Eine eingeschlafene Hand tut ja auch weh, wenn das Blut wieder hindurchfließt oder der verspannte Muskel, der sich entspannt ... aber am Ende ist man froh dadrüber, weil es nicht anders geht ..

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