Melodie Michelberger: „Ich habe unzählige Diäten gemacht“

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Erik Cesla
Melodie Michelberger

Unzufriedenheit und fehlende Selbstliebe: Auch Melodie Michelberger weiß, was es heißt, einen ständigen Kampf mit sich selbst zu führen.

Wer Melodie Michelberger bei Instagram folgt, bekommt sofort gute Laune. Ihr Profil steht für Offenheit, Lebensfreude und vor allem Liebe – nämlich zu sich selbst und allen anderen Menschen gegenüber. Doch im Gespräch erklärt uns die Mitbegründerin der feministischen Plattform “Trust the Girls”, dass das die längste Zeit ihres Lebens nicht so war. Vom Diätwahn, verschwendeter Zeit und einem Neuanfang…

Melodie Michelberger verzaubert mit ihrer positiven Ausstrahlung

 

Wie gehst du in der Regel mit Komplimenten um?

Mittlerweile kann ich sehr gut mit Komplimenten umgehen. Früher war mir das immer sehr unangenehm. Ich habe mich dann kleiner gemacht, das Kompliment verneint oder es nie ernst genommen. Das lag vor allem daran, dass ich das Gesagte selbst nie so gefühlt habe. Mittlerweile finde ich es super, wenn mir Leute Komplimente machen.

 

Was sagen die Leute zu dir, wenn sie dir ein Kompliment machen?

In letzter Zeit habe ich sehr viele Komplimente für meine Stimme bekommen. Gerade meinte jemand zu mir, ich sei eine Stimmschönheit. Im selben Moment war ihr das aber unangenehm, weil sie meinte, sie hätte mich so auf meine Stimme reduziert. Ich persönlich finde das Kompliment aber sehr schön. Ja, und dann höre ich auch häufiger, dass ich ein ganz besonderes Strahlen habe.

 

Wie sieht es aus: Machst du selbst gern Komplimente?

Ich versuche, sehr oft Komplimente zu machen, denn ich bin der Meinung, dass wir das in unserer Kultur hier in Deutschland viel zu selten machen. Ich habe zwei Jahre in Amerika gelebt, hier habe ich ständig Komplimente bekommen und auch gemacht. In der Bahn, in der Arztpraxis – egal, wen man trifft. Dann heißt es ganz unvermittelt: “Wow, nice dress”, “Beautiful eyes” oder “Hey, I like your smile”. Wenn ich so etwas in Deutschland mache, denken die Leute, ich spinne oder will ihnen gleich die Tasche stehlen. Das finde ich schade. Durch die Komplimente ist man sich gleich so viel näher. Man schafft eine schöne und entspannte Atmosphäre. Das ist etwas, was ich hier sehr vermisse.

ICH DACHTE, ICH BIN NICHT RICHTIG UND ICH MUSS NOCH DÜNNER SEIN…

In unserem letzten Gespräch haben wir uns über Genuss, Wohlfühlen, Body Positivity und deine Lieblingsrezepte unterhalten. Hast du schon mal eine Diät gemacht?

Bis ich 30 Jahre alt war, habe ich unzählige Diäten gemacht. Bevor mein Sohn auf die Welt kam, hatte ich kein besonders gutes Körpergefühl, obwohl ich eine ausgezeichnete Figur hatte. Ich wusste gar nicht, dass ich eine Idealfigur hatte, weil ich mich nie wohlgefühlt habe. Ich dachte, ich bin nicht richtig und ich muss noch dünner sein, oder mein Busen ist zu klein und mein Po zu groß. Ich habe auch nie Kuchen oder Nachtisch gegessen, und ich habe trotzdem immer gekämpft. Ich habe jeden Tag zwei bis drei Stunden exzessiv Sport gemacht. Manchmal morgens eine Stunde und abends noch einmal – das war völlig verrückt.

 

Würdest du rückblickend betrachtet sagen, du hast deine Zeit verschwendet?

Ja, das war auf jeden Fall verschwendete Zeit. Die lässt sich jetzt natürlich nicht mehr zurückholen. Es ist schade, dass ich mich beeinflussen ließ. Sei es von Magazinen, irgendwelchen Beurteilungen oder einfach nur von dem Gefühl, dünner sein zu müssen, um erfolgreich zu sein und gemocht zu werden. Mein Äußeres hat mein Inneres negativ beeinflusst. Im Grunde war ich ständig unglücklich.

 

Noch immer spricht scheinbar die gesamte Welt von dieser einen tadellosen Bikinifigur. Was ist das eigentlich?

In den 70er und 80er Jahren hat sich ein ganz bestimmter Figur-Typ herauskristallisiert. Dabei handelt es sich um eine um die 20 Jahre alte, weiße Frau, die sehr schlank ist und unter dem Body-Mass-Index liegt. Dieses Ideal wurde von der Werbung und auch von Schauspielerinnen übernommen. Dieses eine Bild hat sich seitdem immer weiter verfestigt. Bei den Männern ist das Körperbild wesentlich diverser. Ältere Männer und Männer, die vielleicht gar keine Idealfigur haben, die klein sind, einen Bauch haben – all das ist möglich. Als der Bikini erfunden wurde, gab es noch ein völlig anderes – ein wesentlich kurvigeres – Körperbild, das überall anerkannt war. Mit den Jahrzehnten hat sich das Idealbild des Frauenkörpers stark verändert. Aber in den letzten 25 Jahren hat es sich immer weiter verkleinert, auf eine einzige, bestimmte Figur, und die ist fast auf der ganzen Welt gleich und verändert sich nur minimal.

Melodie Michelberger folgt nur Leuten, die ihr “guttun”

Körper wurden damals wie heute einer Bewertung unterzogen?

Mit der Fitnesswelle in den 80ern wurden Körper erstmals bewertet. Was ist ein guter Körper, was ist ein schlechter Körper? Das ist natürlich totaler Quatsch. All das hat uns die letzten Jahre allerdings beeinflusst. Ich bin jetzt 41 Jahre alt und habe ein Leben lang diese Bilder gesehen. Ich bin damit aufgewachsen, und es hat sich in mein Unterbewusstsein eingeprägt. Deshalb springen wir immer wieder darauf an, wenn uns verkauft wird, dass es sich bei der einen um die “richtige” und bei der anderen um die “falsche” Figur handelt.

 

Wo siehst du da die Rolle von Instagram?

Bei Instagram gibt es die Möglichkeit, den eigenen Feed so zu kuratieren, dass jeder das sieht, was er auch sehen möchte. Niemand wird gezwungen. Jeder kann selbst darüber entscheiden, ob sie oder er nur noch Menschen folgt, die ein wesentlich differenzierteres Körperbild propagieren. Ich habe meinen Stream frei von Leuten, die ein ungesundes Körperbild haben. Und damit meine ich nicht, dass dünn oder kurvig zu sein auch automatisch ungesund bedeutet. Es gibt allerdings viele Menschen, die sind nicht gesund dabei oder haben sich runter gehungert oder bewegen sich in ein anderes Extrem. Ich folge ganz tollen und inspirierenden Leuten. Diese Chance gibt es für jeden.

 

Wem sollten wir folgen, um positive Energie zu tanken? Welche Accounts kannst du empfehlen?

Ich folge unter anderem Bodyposipanda – ihr richtiger Name ist Meghan Jayne Crabbe. Sie ist kein Geheimtipp mehr, aber ich finde sie einfach großartig. Sie hat ein Buch geschrieben, das ich sehr empfehlen kann, und ich finde, sie war diejenige, die es geschafft hat, das ganze Thema aus dem Internet zu holen. Bei ihr ist Body Positivity nicht nur eine Bewegung. Sie fühlt es und sorgt dafür, dass dieses Gefühl auch bei allen anderen ankommt.

Weiterhin beschäftige ich mich gern mit Menschen, die Dinge in Frage stellen. Dazu folge ich Vera Papisova – sie ist Online-Redakteurin bei der TeenVogue. Vera beschäftigt sich auch mit schwereren Themen und macht diese leicht zugänglich.

BIS ICH ZU MIR SELBST GEFUNDEN HATTE, DAUERTE ES ÜBER ZWEI JAHRE.

Bist du achtsam?

Ich versuche es. Es gelingt mir nicht immer. Mir passiert es schon mal, dass ich den Kaffee im Stehen trinke und beim Schuhe anziehen in das Brötchen beiße. Doch früher habe ich noch wesentlich weniger acht auf mich gegeben. Ich habe es mir nur schön gemacht, wenn Gäste kamen, mir nicht extra etwas gekocht, wenn ich alleine war, und mir auch nie selber Blumen gekauft. Ich musste lernen, dass ich mich um mich selbst kümmern muss und dass das auch wirklich schön ist und Spaß machen kann. Damals habe ich mich immer über meinen Job definiert, und wenn der Job dann irgendwann mal nicht mehr da ist, hat man nichts mehr. Spätestens dann fällt es auf, und man fällt in ein Loch.

 

Gab es eine Situation, in der du dachtest: Ja, das bin ich!

An eine bestimmte Situation kann ich mich nicht erinnern. Ich denke, es handelte sich um einen Prozess. Vor vier Jahren hatte ich Burnout. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich ganz oft das Gefühl, dass ich nicht wusste, wer ich bin und wo ich hingehöre oder was ich kann und was ich alles schon geschafft habe. Bis ich zu mir selbst gefunden hatte, dauerte es über zwei Jahre.

 

Du musstet also einen Neuanfang wagen?

Es gab eine Trennung, der Job war weg, und ich war fast zwei Jahre krankgeschrieben. Danach habe ich von Null angefangen, ja. Ich musste herausfinden, was ich kann, was ich will, wie ich mein Leben gestalten möchte und auch, wie viel ich künftig arbeiten möchte.

Melodie Michelberger über den Dächern ihrer Wahlheimat Hamburg.

Kannst du denn gut “nein” sagen?

Ich kann immer besser „nein“ sagen. Es fällt mir immer noch schwer, wenn es um Menschen geht, die ich mag. Doch inzwischen bekomme ich so viele Anfragen, aus so vielen unterschiedlichen Richtungen, dass ich immer häufiger „nein“ sagen muss. Ich kann nicht jeden Tag zu allen „ja“ sagen. Das geht nicht. Das hat auch etwas damit zu tun, sich um sich selbst zu kümmern. Für die jeweilige Person wäre es super, wenn ich das machen würde, aber wie geht es mir dabei?

 

Beschreibe dich bitte im Alter von 16 Jahren.

Mit 16 Jahren war ich an der High School in Amerika. Ich war Cheerleader, ich war beliebt, ich habe getanzt, hatte immer bunte Sommerkleider, ich war fleißig in der Schule und hatte viele Spaß – ich erinnere mich sehr gerne daran zurück.

 

Vielen Dank für das nette und offene Gespräch!

Ohne was Melodie Michelberger nicht leben kann und wie ihre Lieblingsrezepte aussehen, erfährst du hier!

Das Beitragsbild ist übrigens von Erik Cesla

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Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

4 Kommentare

Thomas
#4 — vor 4 Tage 12 Stunden
Du bist gut und richtig, wie Du bist! Du strahlst so viel wärme und Gebogenheit aus.
Du bist eine Frau mit Herz und schönen Love-Handles
Liebe Grüße!
MEMIL
#3 — vor 1 Woche 3 Tage
I cannot apply for a subscription because I'm crazy about good roundly ladies...
I would say every inch is wondefull and it may not be the opinion of most of the people...
JUAN
#2 — vor 1 Monat 1 Woche
TE AMO
Olivier Fabre
#1 — vor 3 Monaten 2 Wochen
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