Wie Model Angelina Kirsch mit Aufmerksamkeit umgeht

Words by Jana Ahrens
Portrait einer blonden Frau, die ihr Kinn auf die Hand stützt und verträumt in die Kamera schaut
Curvy Model Angelina Kirsch ist als gut gelaunte, freundliche und weltoffene Person bekannt. Dazu gehört eine große Portion Balance. Dass die nur über die Akzeptanz auch unangenehmer Momente zu erreichen ist, hat sie uns im Interview erzählt.

 

Liebe Angelina, anfänglich hast du zu dem Vorschlag, Model zu werden, mehrfach Nein gesagt. Wie wurdest du am Ende doch überzeugt? 

Ich wurde im Urlaub von einem Agenten angesprochen und habe gleich gemerkt, dass der mir nichts Böses will und mich nicht anbaggert. Trotzdem habe ich Nein gesagt. Er war aber so beharrlich und nett, dass ich ihm meine E-Mail-Adresse gegeben habe. Er schrieb mir, als er aus dem Urlaub zurück war: „Mensch, Angelina, ich versteh ja, dass du skeptisch bist. Aber ich kann mir so gut vorstellen, dass du durchstartest.“ Er ist weiter drangeblieben. Irgendwann bin ich nach Hamburg gefahren, um ihm persönlich abzusagen, damit endlich Ruhe ist. Ich habe ihn getroffen und gesagt, dass ich mich nicht verändern wolle. Daraufhin sagte er mir erst, dass ich das auch gar nicht müsse. Er hatte mir bis dahin nicht gesagt, dass ich als Curvy Model arbeiten soll. Meine Reaktion war: Was ist denn ein Curvy Model? Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es dafür Bedarf gibt. Ich dachte, das sei wie mit dem Mythos Handmodels. Davon gibt’s so fünf auf der Welt und mehr brauchst du nicht. Aber der Agent beteuerte mir, dass der Job ganz toll ist. Ich dachte dann, dass ich ja nichts zu verlieren habe, solange ich das Modeln neben dem Studium machen kann. Ich dachte: Ich will ja später etwas Vernünftiges werden (lacht). Aber ich habe das selber total unterschätzt. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es für Curvy Models so eine krasse Nachfrage gibt. 

 

Der Modeljob war erst interessant für Angelina, als klar war, dass sie dafür nicht abnehmen muss.

 

Kostet es dich eigentlich Energie, die Kritik und negativen Reaktionen auf den Social-Media-Kanälen von dir fernzuhalten? 

Nö. Eigentlich nicht. Momentan gibt es gar nicht mehr so viele negative Kommentare. Und wenn, dann habe ich ganz tolle Leute – nämlich meine Fans –, die für mich in die Bresche springen. Die ersticken fiese Kommentare sofort im Keim. Das finde ich immer ganz toll, und das verfolge und beobachte ich auch. Denn ich lese meine Kommentare. Ich finde es blöd, nicht erreichbar zu sein. Wenn es Fragen gibt, möchte ich die beantworten. Wer wäre ich denn ohne diese Fans? Wenn sich niemand für mich interessiert, dann bin ich weg vom Fenster. Deswegen lese ich alles. Am Anfang waren die negativen Kommentare eine Herausforderung für mich. Trotzdem habe ich schon sehr früh gelernt, mit negativen Reaktionen auf meine Person umzugehen. Ich hatte es in der Schule nicht leicht. Ich war mit meiner Zwillingsschwester in einer Klasse und wir waren der Klassiker – „Guter Zwilling, böser Zwilling“. Ich war nun für alle anderen der böse Zwilling, weil ich nicht jeden Scheiß mitgemacht habe. Ich wusste schon ziemlich früh, wer ich sein will und wohin die Reise gehen soll. Mit mir konnte keiner so richtig was anfangen. Die wenigsten kannten mich gut. Letztes Jahr hatte ich 10-jähriges Abi-Jubiläum und habe dann noch einmal in die Abi-Zeitung geguckt. Was da alles Böses über mich stand – du meine Güte, das war wirklich nicht nett. Aber dadurch habe ich schon ganz früh gelernt, dass es Leute gibt, die mich nicht mögen. Und das ist ok, das gehört zum Leben dazu. Ich kann nie so sein, dass alle mich mögen. Deswegen ist es mir so wichtig, dass ich mich selber mag. Wenn ich hinter dem stehe, was ich mache, dann kann ja eigentlich nichts passieren. 

Es gibt ja auch Menschen, die in solchen Situationen eher noch empfänglicher für die eigenen Makel werden und bei Kritik alles daransetzen, dazuzugehören. Ist es Typsache, ob man in diese Richtung tendiert oder es eher hält wie du? Oder denkst du, das ist vor allem Erziehung?

Ich glaube, es ist beides. Bin ich so gepolt, dass ich die Zustimmung von anderen Menschen unbedingt brauche? Ich würde zum Beispiel sagen, dass ich die Bestätigung von anderen brauche, weil ich Geselligkeit liebe. Aber ich kann auch sehr gut mit mir allein sein. Ich glaube, es gibt Menschen, die das nicht so gut können. Dann ist es schwieriger, damit klarzukommen, von anderen nicht gemocht zu werden. Aber es ist auch eine Erziehungsfrage. Meine Eltern haben immer zu uns gesagt: „Ihr seid mehr als das, was Außenstehende in euch sehen. Ihr habt Charakter und ihr habt ein Herz. Schult den Charakter und seht zu, dass ihr Menschen seid, die ihr selber gut leiden könnt. Natürlich seid auch ihr nicht unfehlbar. Reflektiert eure Fehler und lernt daran.“ Aber auch, dass ich mich – mit all meinen Fehlern – zuhause immer willkommen gefühlt habe, hat mich gestärkt. Das macht mutig. Deshalb glaube ich, dass es ein Mix aus Charakter und Erziehung ist. Klar hilft es, vom Typ her unabhängig zu sein. Aber man kann diese Stärke erst so richtig entwickeln und wachsen lassen, wenn man den richtigen Background hat. Das müssen nicht immer die Eltern sein. Das können auch gute Freunde sein. Freunde sind die Familie, die man sich selber aussucht. Aber dafür gilt es auch, den Mut aufzubringen und auszusortieren, wenn ich merke, dass mir Personen nicht guttun, dann müssen Freundschaften auch manchmal enden. 

 

Im Prinzip passt der Job zu mir und nicht ich zu dem Job. 

Angelina Kirsch

 

Also sind das Lächeln und Strahlen kein Korsett, in das du dich zwingen musst? Du folgst deinem Instinkt und versuchst, das Beste rauszuholen? 

Wir alle wissen am besten, was uns guttut. Natürlich kann ich mir von tausend Leuten im Fernsehen oder in den sozialen Medien sagen lassen, was mir guttun könnte. Aber letztendlich weiß ich es selber am besten. Was nützt es mir denn, wenn alle Welt weiß, dass Angelina die Strahle-Frau ist, wenn mir halt heute nicht nach Strahlen zumute ist? Das merkt mein Umfeld, und ich verbiege mich total und werde auf Dauer unglücklich. Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt, und dann bin ich auch happy. So war’s ja auch beim Modeln. Ich habe anfangs so oft abgelehnt, weil ich dachte, der Agent will, dass ich abnehme. Dafür hätte ich mich verbiegen müssen. Ich muss nicht modeln, um glücklich zu sein. Mein Leben würde bestimmt auch so schön. Im Prinzip passt der Job zu mir und nicht ich zu dem Job. 

 

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Das klingt sehr ausgeglichen. Aber es gibt ja auch Gewohnheiten, in die wir hineingeraten, von denen wir eigentlich wissen, dass sie uns nicht so guttun, aber wir machen es trotzdem. Ist dir das auch schon einmal passiert? 

Klar. Klassiker: Weihnachten und Naschen. Ich bin eine Naschkatze. Normalerweise ist meine Devise: Alles ist erlaubt, in Maßen und nicht in Massen. Aber zu Weihnachten kenne ich kein Halten. Da geht die Futterluke auf und alles rein, was süß ist und mir schmeckt. Natürlich gewöhnt man sich daran. Schokolade ist dabei meine Sucht. Dann wache ich eines Tages auf und sage: Ok, jetzt ist die Weihnachtszeit aber auch mal vorbei. Jetzt fahren wir das mal ein bisschen runter. Aber auch das mache ich nicht von hundert auf null, sondern wie es mir guttut. Ein Tag ohne Schokolade ist für mich kein Tag. Ich muss meine Schokolade haben. Aber nicht immer die ganze Tafel, sondern vielleicht nur einen Riegel, den ich besonders genieße. Einfach mal jedes kleine Stück auf der Zunge schmelzen lassen: Das braucht Geduld, aber ich finde, es lohnt sich. So kann ich mich wieder umgewöhnen. Solche Gewohnheiten sind menschlich, und ich liebe das Leben mit allem, was dazu gehört. Manchmal zu viel zu futtern ist ein Teil davon. Mit Sport ist es ähnlich. Ich liebe Sport. Ich liebe es, meinen Körper zu bewegen. Du kannst ja dein eigenes Gefühl für den Körper steigern, wenn du Sport machst. Aber du brauchst nicht zu glauben, dass ich jede Woche Sport mache (lacht). Bei mir gibt’s auch Wochen, in denen ich sage: „Nee, keine Böcke, echt nicht.“ Meistens bin ich in diesen Phasen sowieso sehr aktiv, viel unterwegs und laufe viel hin und her. Dann habe ich nicht auch noch Lust abends eine halbe Stunde meine Übungen zu machen. Also gucke ich da auch nach Bedarf. Wenn ich merke, dass ich wieder Lust auf Sport habe, dann fahre ich das wieder hoch. Aber ich denke, das ist eigentlich normal. Nobody is perfect. 

 

So eine leichte Naivität und ein Grundvertrauen in das Schicksal an den Tag zu legen, ist nicht das Schlechteste. 

Angelina Kirsch

 

Älterwerden ist ja auch so eine Herausforderung im Umgang mit dem eigenen Körper. Jetzt bist du noch sehr jung. Machst du dir Gedanken, wie du damit umgehst? 

Ich bin da eigentlich ganz gelassen. Natürlich habe ich mir schon Gedanken darüber gemacht. Aber ich bin ja sowieso nicht so ein Proto-Mädchen, das in dem Kontext in Schemata passt. Wenn man fernsieht, wird klar: Die meisten Mädels, die da zu sehen sind, sind gertenschlank und stehen vielleicht nicht dazu, wenn sich mal ein Röllchen zeigt oder eine Delle. Da bin ich ja sowieso schon der Icebreaker und zeige, dass es auch anders geht. Deshalb bin ich beim Thema Älterwerden auch entspannt. Weil ich glaube, dass ich auch da eine erfrischende Abwechslung sein werde. Wenn die Oberarme runterhängen, dann ist das eben so. Wenn ich Falten kriege, dann ist das so. Natürlich weiß ich noch nicht, wie es ist, alt zu werden. Aber wenn ich mir meine Mutter anschaue – ich komme sehr nach meiner Mutter –, dann brauch ich vor dem Älterwerden keine Angst zu haben. Welche Alternative haben wir denn auch? Soll ich mir das Gesicht so straffen lassen, dass ich beim Schlafen die Augen nicht mehr zu machen kann. (lacht

 

Wäre ein ziemlicher Bruch mit deiner Einstellung.

Genau. Das tut weh und es tut nicht not. Wenn es um mein Auftreten ging, habe ich schon immer gesagt: Fresst oder sterbt. Entweder ihr mögt mich so, wie ich bin, oder eben nicht. Kann sein, dass die Leute irgendwann sagen: „Nee, die Kirsch, die wollen wir nicht mehr sehen, so wie sie jetzt aussieht.“ Tja, dann such ich mir was anderes. Bisher hat mich das Leben immer irgendwohin gebracht. So eine leichte Naivität und ein Grundvertrauen in das Schicksal an den Tag zu legen, ist nicht das Schlechteste. 

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Jana Ahrens

Chefredakteurin

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit der Mode und mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Sie interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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