Mythos Jungfernhäutchen: Warum es nichts mit Jungfräulichkeit zutun hat

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Brooke Cagle auf Unsplash
Jungfernhäutchen
Obwohl das Jungfernhäutchen wenig über die Jungfräulichkeit aussagt, hält sich der Mythos um diesen biologischen Keuschheitsgürtel noch immer…

Warum heißt es eigentlich Jungfernhäutchen und wo befindet es sich genau? Vermutlich würden die meisten Menschen von sich behaupten, diese beiden Fragen – zumindest halbwegs – sicher beantworten zu können. Von unseren Eltern, aus der Schule und sogar vom Frauenarzt kennen wir schließlich alle die Geschichte vom weiblichen Symbol für Jungfräulichkeit, die bis heute verbreitet wird.

Angeblich funktioniert das dünne Häutchen wie eine Art Siegel, das durch den allerersten Geschlechtsverkehr reißt. Deshalb kann es beim ersten Mal nicht nur schmerzhaft sein, sondern auch bluten. In einigen Familien, in denen Sex vor der Ehe nicht erwünscht ist, gilt das blutige Bettlaken in der Hochzeitsnacht noch immer als Beweis dafür, dass sich die Frau an die Regeln gehalten und jungfräulich in die Ehe gegangen ist. Jedoch gibt es ein Problem mit dieser Geschichte: Sie ist schlichtweg falsch.

DAS JUNGFERNHÄUTCHEN EXISTIERT NICHT

Das Jungfernhäutchen, auch Hymen genannt, welches in unserer Vorstellung die Vagina abschirmt, existiert nicht – zumindest nicht in dieser Form. Die ringförmig angeordneten Schleimhautfalten decken die Vagina normalerweise nicht ganz ab, was man daran sehen kann, dass es ja auch Blut und Sekret durchlässt. Daher kann es auch nicht durch einen Tampon zerstört werden. Ist es doch fast zugewachsen, handelt es sich um einen medizinischen Fall, der dringend behandelt werden muss. Da das Hymen bei jeder Frau anders geformt, dabei jedoch immer sehr flexibel ist, handelt es sich ebenfalls um einen Fehlglauben, wenn es heißt, eine Frau müsse bei ihrem ersten Mal in jedem Fall bluten. Fließt Blut beim Geschlechtsverkehr, handelt es sich um nichts anderes, als eine Verletzung. Deshalb kann es, vor allem beim allerersten Mal, natürlich auch vom Mann stammen.

JUNGFRÄULICHKEIT LÄSST SICH NICHT AM HYMEN ERKENNEN

Das Hymen kann sogar nach einer Geburt noch genauso aussehen wie vorher. Deshalb können weder Ärzte noch der Partner oder die Partnerin am Aussehen des Hymen mit eindeutiger Sicherheit feststellen, ob jemand noch Jungfrau ist oder nicht. Um dem Hymen eine wahre Bedeutung zu geben, entschied sich die “Schwedische Vereinigung für aufgeklärte Sexualerziehung (Riksförbundet För Sexuell Upplysing – RFSU) kurzerhand dazu, das Jungfernhäutchen in “vaginale Korona” umzubenennen. Korona steht griechisch für Kranz, Ring oder Krone und beschreibt die Beschaffenheit des Hymen damit perfekt. “Sprache bestimmt wie wir denken”, ließ die RFSU damals verkünden. “Der mythische Status des Jungfernhäutchens hat viel zu lange viel zu viel Unheil angerichtet. Dabei gibt es überhaupt keine Haut, die anzeigt, ob eine Frau Jungfrau ist oder nicht. Wir wollen Informationen darüber verbreiten, wie der Körper wirklich funktioniert, und dafür benötigen wir eine Sprache, in der das auch kommunizierbar ist”, erklärte Asa Regnér, die Generalsekretärin der RFSU. Der schwedische Sprachrat nahm die “vaginale Korona” 2009 sogar offiziell als neues Wort auf.

Es ist wichtig, diese Ansichten über das Jungfernhäutchen zu ändern, um Missverständnisse zu vermeiden.

 

Wie viel Unwissen wirklich um den Mythos Hymen kreist, wollten auch die Geburtshelferinnen Monica Christianson und Carola Eriksson der schwedischen Umeå University genauer wissen. In ihrer Umfragestellten sie 198 Oberstufenschülern im Alter von 17 und 18 Jahren dieselbe Frage: “Was denkst du, wenn du das Wort Hymen hörst?” Alle Mädchen und auch Jungen gaben an, dass es sich um “eine fragile, biologische Struktur im weiblichen Körper” oder “eine dünne Membran, die beim ersten vaginalen Geschlechtsverkehr reißt”, handelt. Monica Christianson und Carola Eriksson zeigten sich schockiert von den unzureichenden Kenntnissen über das Jungfernhäutchen: “Die meisten Schüler assoziierten das Hymen mit einer zerbrechlichen Membran. Dies ist problematisch. (…) Es ist wichtig, diese Ansichten über das Jungfernhäutchen zu ändern, um Missverständnisse zu vermeiden. Im modernen medizinischen Diskurs, in der Gesundheitsfürsorge und in der öffentlichen Rede gibt es nur wenige Diskussionen über das Hymen als soziales Konstrukt, was darauf hinweist, dass mehr Gender-Forschung in Bezug auf Hymen-bezogene Fragen erforderlich ist.”

ÄRZTE PROFITIEREN VOM EHRGEFÜHL

Die Zeiten, in denen die Jungfrau Maria ihren Sohn gebar, ohne zuvor entjungfert worden zu sein, sind seit Jahrhunderten vorbei. Was bleibt, ist die Mär vom Hymen, die von Generation zu Generation weitergetragen wird. In einigen Kulturkreisen sorgt die Vorstellung, nach der Hochzeitsnacht kein blutiges Laken vorzeigen zu können, für wahrhaftige Dramen. Um den Mythos aufrechtzuerhalten, aber auch um Schande und Verstoßenwerden abzuwenden, kommt nicht selten Tierblut zum Einsatz. Denn selbst, wer sich an die auferlegten Normen gehalten hat, wird nicht mit Sicherheit den Erwartungen gerecht werden können.

Indes können Ärzte am Jungfernhäutchen verdienen. Immer häufiger werden Hymenrekonstruktionen – sogenannte “Revirginationen” – angeboten. Etwa 20 Minuten dauert es, bis das Gewebe, das sich im Laufe der Zeit eventuell leicht verändert hat oder sowieso nie stark ausgeprägt war, rekonstruiert wurde. Wer ganz sichergehen möchte, kann sich sogar zusätzlich eine Kunststoffmembran mit Kunstblut einsetzten lassen. Die Kosten belaufen sich auf 200 bis 4000 Euro. “Diskret, sicher und kaum nachweisbar. Als Facharzt für Gynäkologie hat Dr. Frönicke beste Erfahrungen bei der Wiederherstellung von Jungfernhäutchen. Als Spezialist für Intimchirurgie wird diese OP seit Jahren zuverlässig und sicher operiert”, heißt es auf der Webseite eines Arztes. Bei Dr. Frönicke kostet eine solche Rekonstruktion 990 Euro. Doch weist er auch daraufhin, dass es bei einer Entjungferung nicht zwingend zu einer Blutung kommt und eine Operation dieses auch nicht garantiere. “Das löst noch nicht das Problem von jungen Frauen aus anderen Kulturkreisen, wo Geschlechtsverkehr vor der Ehe als Makel gesehen wird. Schnell entsteht großer sozialer Druck, um als Jungfrau in die Ehe zu gehen”, steht dort geschrieben.

Doch genau aus diesem Grund sind derartige OPs ethisch höchst umstritten. Viele Ärzte versuchen Profit aus der Not zu schlagen – andere möchten scheinbar nur eine Situation, die im schlimmsten Fall sogar über Leben und Tod entscheiden kann, zum Guten wenden. Dennoch: So lange wir die jahrhundertealte Geschichte vom Jungfernhäutchen weitertragen und es vermeiden, sie korrekt zu erzählen, wird unsere Sprache weiterhin eine Realität schaffen, die nicht der Wahrheit entspricht…

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Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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