Sind wir nicht bereits beschenkt?

Words by Annekathrin Walther
Photography: Vonecia Carswell
Drei Frauen in pinken Mänteln, die sich im Arm halten
Heute ist Heiligabend, und alle sind damit beschäftigt, zu schenken und beschenkt zu werden. Höchste Zeit für die Frage: Sind wir nicht schon beschenkt?

In unseren Leben dreht sich viel um die Dinge, die wir uns erarbeitet haben. Die Freude, die wir empfinden, wenn unsere Mühen belohnt werden, bleibt im Gedächtnis. Genauso die Enttäuschung, die uns trifft, wenn etwas nicht klappt. Erfolge und Misserfolge führen wir uns immer wieder vor Augen und machen sie so zu den Grundpfeilern in der großen Erzählung unseres Lebens. Dabei vergessen wir, dass ein wichtiger Teil unserer Existenz nichts mit unserer Leistung zu tun hat. Im Gegenteil: Vieles, was uns ausmacht, wurde uns ganz einfach geschenkt. 

 

Jede von uns hat Talente, die nicht erst ausgebildet werden mussten

 

Jede von uns hat Talente, die nicht erst ausgebildet werden mussten: Fähigkeiten, die uns in die Wiege gelegt wurden und die wir deshalb vielleicht nicht mal mehr als etwas Besonderes empfinden. Sie sind aber da. Genauso unsere Körper. Dass wir überhaupt eine äußere Hülle haben, die wir bewohnen können, ist ein Geschenk. Wie auch immer sie aussieht: Sie ist einmalig und besonders – egal ob wir ins Fitnessstudio gehen oder nicht. Und dann ist da unsere Familie, diese unberechenbare Wundertüte voller Menschen, die uns schlicht zugefallen ist. 

 

Privilegien zu erkennen ist gut – dankbar für diese zu sein ist noch besser.

 

An dieser Stelle sei gesagt: Niemand will Probleme kleinreden. Gerade am heutigen Tag ist es für die eine oder andere vielleicht schwer, die Familie als Geschenk zu empfinden. Aber auch Reibungsflächen können Geschenke sein. Ganz einfach, weil sie uns eine Idee davon geben, wer wir sind oder sein wollen. 

 

Das ist großartig an mir. Das ist großartig in meinem Leben. Ich kann absolut nichts dafür. Es wurde mir geschenkt. 

 

Der heutige Tag ist wie dafür geschaffen, dass wir mit größtmöglicher Gelassenheit annehmen, was uns gegeben wurde. Vielleicht fällt es uns schwer. Sich mal zu fragen: Sind wir vielleicht zu sehr daran gewöhnt, für etwas, das wir bekommen, auch eine Gegenleistung zu erbringen? Aber das müssen oder können wir nicht immer. Freuen wir uns doch über das Leben selbst und die Menschen, mit denen wir es teilen! Freuen wir uns über all das, worüber wir viel öfter sagen müssten: Das ist großartig an mir. Das ist großartig in meinem Leben. Ich kann absolut nichts dafür. Es wurde mir geschenkt. Und das ist fantastisch. Danke.

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Annekathrin Walther

Redakteurin

Annekathrin Walther spielt mit Text seit ihr Lesen und Schreiben möglich ist. Auf ihr Studium der LIteraturwissenschaft folgten Exkursionen ins Stadttheater und den Buchhandel. Seit 2013 liegt sie als Freiberuflerin vor Anker und schreibt als solche für Theater, Audio und Internet.

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