Weniger Handy – ein guter Vorsatz für 2019?

Words by Annekathrin Walther
Photography: Charisse Kanion
Zwei Frauen auf einer Konferenz schauen auf ihre Handys
Weihnachten ist vorbei, und wir steuern schnurstracks auf 2019 zu. Manch eine mag sich für das neue Jahr Großes vornehmen, wie zum Beispiel, das Smartphone weniger zu benutzen. Denn seien wir mal ehrlich: Ist es noch vertretbar, wie viel wir auf diesen tragbaren Bildschirm starren? Oder mal aus der Perspektive unserer Mitmenschen gedacht: Ist es noch respektvoll?

Unsere Telefone begleiten uns überall hin. An vielen Stellen erleichtern sie uns den Alltag, zum Beispiel, wenn wir dank der Nahverkehrs-App die letzte Bahn noch bekommen. Außerdem machen sie ganz einfach Spaß: Instagram verkürzt die Stunde, die wir im Wartezimmer rumhocken müssen. Dass wir den Menschen, die uns wichtig sind, nicht erst eine Brieftaube schicken müssen, ist ohne Frage auch ein Gewinn. 

 

Saublöd, wenn uns nach einem Konzert der Arm schmerzt, weil wir zwei Stunden lang das Telefon hochgehalten haben

 

Doch trotz aller Erleichterung und Freude, die die smarten Begleiter bedeuten, beschleicht viele auch das Gefühl, dass es zu viel ist. Und das nicht erst seit Einführung der Bildschirmzeit oder dem Digitalen Wohlbefinden, den Werkzeugen, die helfen sollen, Smartphone-Sucht zu bekämpfen. Die uns schwarz auf weiß vor Augen führen, wie viel wir unser Handy tatsächlich benutzen. Schon vor der Einführung dieser sinnvollen Funktionen war es offensichtlich, dass wir kaum noch Pausen vom Telefon haben. Dass die Art, wie wir die Welt erleben und wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen, davon betroffen ist. Saublöd, wenn die beste Freundin nichts von dem hört, was wir ihr erzählen, weil sie zu sehr damit beschäftigt ist, ihrem neuesten Schwarm hinterherzugoogeln. Oder wenn uns nach einem Konzert der Arm schmerzt, weil wir zwei Stunden lang das Telefon hochgehalten haben. 

 

Ist ein Live-Konzert eigentlich noch live, wenn man es sich durchs Telefon anschaut?

 

Apropos Konzert: Musiker können viel davon erzählen, wie es sich anfühlt, wenn einem tausend Telefone entgegengestreckt werden. Jack White – vielen bekannt als Sänger der Band The White Stripes – hatte Anfang 2018 genug davon. Die Telefone störten ihn vor allem deshalb, weil er die Abfolge der Songs auf seinen Konzerten nicht vorher festlegt, sondern live auf die Stimmung und Wünsche des Publikums reagiert. Es sei jedoch, so White, nahezu unmöglich, eine Atmosphäre zu erspüren, wenn sich das Publikum hinter einer Wand aus Bildschirmen verschanzt. Whites Ankündigung, auf seinen Konzerten Telefone ab sofort komplett zu verbieten, löste Diskussionen aus. Seine Idee war Folgende: Das Handy wird vor dem Konzert in einer kleinen Tasche – einer Yondr Bag – verstaut, die man, wenn sie einmal verschlossen ist, selbst nicht wieder öffnen kann. Nur wenn man einen bestimmten Bereich im Vorraum des Veranstaltungsorts aufsucht, kann man die Tasche öffnen und das Telefon benutzen. White wollte nicht einfach allen ihre Telefone wegnehmen, sondern seinem Publikum ermöglichen, mehr im Moment zu sein und seine Konzerte als eine zu 100 Prozent menschliche Erfahrung zu erleben. 

 

 

Unsere Welt ist eine Welt mit Telefonen und das ist auch gut so.

Tatsache ist: Unsere Welt ist eine Welt mit Telefonen. Das ist auch gut so. Trotzdem werden die meisten sagen, dass es wichtig ist und bleibt, den Menschen, die einen umgeben, Aufmerksamkeit zu schenken. Dass es richtig ist, dem, was um einen herum geschieht, respektvoll gegenüberzutreten. Angebote à la Jack White sind schön. Immer besser ist aber natürlich eigenverantwortliches Handeln. Für 2019 muss es vielleicht nicht gleich eine Yondr Bag sein. Jede muss ihr eigenes Maß finden. Vielleicht macht man sich das zum Vorsatz: Anstatt sich gleich vorzunehmen, die Telefonzeit zu reduzieren, geht es in einem ersten Schritt doch erstmal darum, herauszufinden, wie viel Telefon für mich angenehm und vertretbar ist. Weiß man über sich selbst Bescheid, ist schon viel gewonnen. Dann kann man auch dem Umfeld mal vorschlagen: Hey, wie wär’s, wenn wir eine halbe Stunde Telefonpause einlegen? 

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Annekathrin Walther

Redakteurin

Annekathrin Walther spielt mit Text seit ihr Lesen und Schreiben möglich ist. Auf ihr Studium der LIteraturwissenschaft folgten Exkursionen ins Stadttheater und den Buchhandel. Seit 2013 liegt sie als Freiberuflerin vor Anker und schreibt als solche für Theater, Audio und Internet.

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