25 Jahre Avantgarde in der Mode-Ausstellung von Viktor & Rolf

Words by Jana Ahrens
Photography: Anton Corbijn via Kunsthal Rotterdam
Viktor and Rolf

Visionäre Mode kommt aus Paris. Das war einmal Gesetz. Doch die Mode liebt es, Gesetze zu brechen. Bereits vor 25 Jahren haben Viktor & Rolf, Modedesigner aus Amsterdam, dies zum ersten Mal getan. Zwar zeigen die beiden ihre Entwürfe während der Haute-Couture-Shows in Paris – also direkt auf dem Mode-Olymp – doch eine Ausstellung in Rotterdam zeigt nun, dass das Künstler-Duo immer sehr ungewöhnlichen Weg gegangen ist. 

Kann man es mit einer avantgardistischen Mode-Installation in einer südfranzösischen Kleinstadt einem internationalen Ruhm bringen? Wenn es sich bei der Stadt um Hyères handelt – die Festival-Stadt für junge Mode-Talente – und die Designer Viktor Horsting und und Rolf Snoeren heißen, dann ja. Ihr legendärer Auftritt 1994 auf dem dortigen Internationalen Festival für Mode, Fotografie und Accessoires war der Startschuss für eine erfolgreiche Karriere zwischen Mode und Kunst. Im Jahr 2018, 25 Jahre später, macht eine Wanderausstellung zum Werk der Designer deutlich, dass die Zukunft des Modedesigns auch heute noch in einer radikalen Form von Kreativität liegen kann. Denn abseits von diesem Weg wird der Job nicht nur von Celebrities oder Stylisten, sondern zukünftig auch von künstlichen Intelligenzen übernommen. Die Karriere von Viktor & Rolf ist ein zeitloses Beispiel dafür, wie viel Einfluss Avantgarde-Mode auf den Mainstream haben kann und dass Kunst einen Zugang bietet, der mehr braucht als Daten

 

Die Kunsthal Rotterdam zeigt noch bis zum 30. September 2018 die wichtigsten und radikalsten Entwürfe der beiden Modekünstler Viktor & Rolf. Den Kuratoren ist es gelungen, die komplexen Konzepte hinter der Mode der beiden einfach und verständlich zu inszenieren, ohne ihnen den Zauber zu nehmen. Wie zukunftsweisend die Arbeit der Amsterdamer Designer ist, wird durch die kunstvolle Zusammenstellung in der Ausstellung besonders deutlich. Doch was genau haben Viktor & Rolf vor uns gesehen?

RUSSIAN DOLL: DIE ENTHÜLLUNG DES NICHTS IN DER MODE

 

Nachdem Viktor & Rolf 1994 auf dem Internationalen Festival für Mode, Fotografie und Accessoires in Hyères gleich drei der wichtigsten Preise gewonnen hatten, kam der nächste große Aufschlag 1999 zur Haute-Couture-Modewoche in Paris mit einer Show, die sich Russian Doll nannte. Das Model Maggie Rizer ging über den Laufsteg bis zu einer sich drehenden Plattform, um sich dort – Schicht für Schicht – von Viktor & Rolf ankleiden zu lassen.

Angefangen mit einem Etuikleid aus reinem Sackleinen, hüllten die beiden sie nach und nach in immer aufwendigere, fast zeremoniell wirkende Gewänder. Diese waren über und über mit Stickereien, Strasssteinen und Seidenhüllen dekoriert. Doch das Leinen blieb bis zuletzt die Basis für jedweden Prunk. Der Titel der Show nahm auf die russische, Matrjoschka Bezug, eine folkloristische und ineinander verschachtelte Holzpuppe. Sie diente hier als Sinnbild für den Effekt der Mode mit all ihren Bedeutungsebenen und Darstellungsformen. Am Ende der Show wog das Outfit von Maggie Rizer mit allen Schichten über 70 Kilogramm. Viktor & Rolf wagten also ein perfekt handgearbeitetes, doch zugleich bedrückendes Statement zu der Frage, was bleibt, wenn die vielen Hüllen der Mode wieder gefallen sind. So kritisch ging in den boomenden 90er Jahren sonst niemand mit der Bedeutung von Selbstinszenierung um. Doch der Wandel sollte bald kommen.

 

THE LAUNCH: CROWDFUNDING NOCH VOR DER DIGITALEN REVOLUTION

Eine Saison später stellten Viktor & Rolf fest, dass sich mit konzeptueller Mode nicht viel Geld verdienen lässt. So verzichteten sie auf eine Show und organisierten zur Fashion Week in Paris lieber eine Ausstellung in einer Galerie, für die sie alle Projekte, die sie gern verwirklichen wollten, in Miniaturform anlegten und präsentierten. Die Betrachter konnten diese Miniaturen als Kunstobjekte kaufen. Dazu gehörten auch viele kleine Parfum-Flakons, die allerdings nur mit eingefärbtem Wasser befüllt und mit Siegellack verschlossen waren. Sie verkauften sich so gut, dass einige Saisons später das Parfum Flowerbomb lanciert werden konnte. Auf diesem Weg nahmen Viktor & Rolf das heute bereits übliche Crowdfunding vorweg, das inzwischen weltweit zu einem digitalen Testfeld für Mode- und Accessoire-Kollektionen geworden ist.

SUSTAINABLE AVANTGARDE? KEIN PROBLEM FÜR VIKTOR & ROLF

Nachhaltigkeit durch Nutzung von Resten? Das ist doch nichts für die luxuriöse Ready-to-wear-Mode aus Paris. Wieder so ein Glaubenssatz, den Viktor & Rolf über den Haufen geworfen haben. Für die Vagabond-Kollektion nutzten sie die edlen Stoff-Fetzen, die aus vorangegangenen Kollektionen übriggeblieben waren, und verarbeiteten sie kunstvoll zu aufwendigen Abendroben und imposanten Kleidern. Damit trafen sie stilistisch den Zahn der Zeit und waren ihr ethisch sogar voraus.

 

WEARABLE ART? SO SIEHT’S AUS!

Nachdem die Mode von Viktor & Rolf über viele Jahre immer wieder als „Wearable Art“, also tragbare Kunst, bezeichnet wurde, nahmen die beiden Künstler diese Bezeichnung einfach mal wörtlich und kreierten eine Kollektion, welche die traditionelle Vorstellung von Kunst – in Form von Rahmen, Leinwänden und Malereien – in sperrige Kleidungsstücke mit spannungsvollem Volumen übersetzte.

ZURÜCK ZUM WESENTLICHEN: DER ZEN-GARDEN

Nach 13 Jahren Pause vom Haute-Couture-Zirkus wagten sich Viktor & Rolf 2014 wieder zurück ins strenge Regiment der Chambre Syndicale de la Haute Couture in Paris. Nur wer Mitglied dieses edlen Zirkels ist, darf auch offiziell den Titel Haute Couture – also hohe Schneiderkunst – tragen. Nur dann wird eine entsprechende Schau in Paris auch in diesem Kontext gelistet. Dafür müssen strenge Verarbeitungskriterien erfüllt und ein herausfordernder Kollektionsumfang bewältigt werden. Diese harte Arbeit sah man der Zen-Garden-Kollektion von Viktor & Rolf schlussendlich nicht mehr an. Mit Zen Garden ließen sie ihre zurückliegenden Konzepte Revue passieren und wandten sich mit dieser auf die Essenz ihres Schaffens reduzierten Kollektion einmal mehr ab vom bunten Trubel der Fashion Week, der speziell in dieser Saison in vielen anderen Kollektionen vorherrschte. Die Models betraten in schwarzen, kunstvoll geschneiderten Gewändern einen Zen-Garten, in dem sie von Viktor & Rolf persönlich platziert und arrangiert wurden. So schaffen sie einen direkten Rückbezug auf ihre Anwesenheit auf dem Laufsteg bei der Show Russian Doll und bringen zugleich die Hoffnung zum Ausdruck, es möge mehr geben als das Nichts hinter der modischen Hülle.

Während der aktuellen Haute-Couture-Modenschauen in Paris haben Viktor & Rolf nun erneut die Haute-Couture Shows genutzt, um die einflussreichsten Entwürfe ihrer zurückliegenden Kollektionen in unschuldigem Weiß zu zeigen.

Viktor and Rolf
Inez&Vinoodh 2015
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Jana Ahrens

Chefredakteurin

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit der Mode und mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Sie interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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