FRAUEN IN FÜHRUNGSPOSITIONEN: “DIE GUTEN SIND SCHON VERGRIFFEN”

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Rawpixel auf Unsplash
Menschengruppe vor Laptop
Dass Frauen in Führungspositionen noch immer unterrepräsentiert sind, ist allgemein bekannt. Doch was sagen eigentlich Männer dazu, wenn sie gebeten werden, sich ehrlich zu diesem Thema zu äußern? Das Ergebnis einer Umfrage unter britischen Vorständen und CEOs sorgt bei vielen für Kopfschütteln und bei manchen für Entsetzen…

Von dem Gedanken, dass das Wort “Frauenquote” in naher Zukunft aus dem Duden gestrichen werden kann, müssen wir uns wohl verabschieden. Zumindest lässt sich dieser Eindruck gewinnen, wenn wir uns die Ergebnisse einer Umfrage anschauen, die das britische Department for Business Energy and Industrial Strategy (BEIS), veröffentlicht hat. Vorstandsmitgliedern und CEOs britischer börsennotierter Unternehmen wurde dafür folgende Frage gestellt: Warum gibt es in Ihrem Unternehmen keine oder kaum Frauen in Führungspositionen?

In unserer Wunschvorstellung hätten wir uns Antworten gewünscht wie: “Ja, das ist noch immer ein Problem, welchen wir seit Längerem versuchen verstärkt anzugehen” oder “Unser alljährliches Women-Leadership-Programm läuft in nächster Zeit aus, dann stocken wir auf.” Doch was anstelle dessen geantwortet wurde, hätten wir uns so nicht ausdenken können:

“ICH GLAUBE NICHT, DASS FRAUEN GUT IN DIE VORSTANDSUMGEBUNG PASSEN.”

Mann

 “ALLE ‘GUTEN’ FRAUEN SIND SCHON VERGRIFFEN.”

Frau

“DIE MEISTEN FRAUEN WOLLEN NICHT DIE MÜHE UND DEN DRUCK DES VORSTANDS.”

Frau

“ES GIBT NICHT SO VIELE FRAUEN MIT DEN RICHTIGEN REFERENZEN UND DER NÖTIGEN ERFAHRUNG, UM IM VORSTAND ZU SITZEN – DIE THEMEN, UM DIE ES DA GEHT, SIND SEHR KOMPLEX.”

Frau

“WIR HABEN BEREITS EINE FRAU IM VORSTAND, ALSO SIND WIR FERTIG – JETZT IST JEMAND ANDERES AN DER REIHE.”

Frau

 “MEINE ANDEREN VORSTANDSKOLLEGEN WÜRDEN KEINE FRAU ERNENNEN WOLLEN.”

Frau

“ICH KANN NICHT EINFACH EINE FRAU ERNENNEN, NUR WEIL ICH ES MÖCHTE.”

 

Mann

BIS 2020 SOLL EIN AUSGEGLICHENES VERHÄLTNIS HERRSCHEN

Wir sind übrigens nicht die einzigen, die schockiert von diesem Umfrageergebnis sind. Der regierungsfinanzierte Hampton-Alexander-Review ist ein Bericht, der ganz genau dokumentiert, wie Frauen in Großbritannien in Führungspositionen gelangen. Die Aufforderung des Teams ist klar und deutlich: Alle an der Umfrage beteiligten Unternehmen sollen bis 2020 dafür sorgen, dass die Stellen in der Führungsebene gerecht verteilt werden. Ob das klappt?

Auch Amanda Mackenzie, Chefin der britischen NGO Business in the Community findet das Ergebnis beschämend. “Wenn man diese Liste von Ausreden liest, könnte man denken, wir würden im Jahr 1918 und nicht in 2018 leben. Es liest sich wie ein Drehbuch aus einer Komödie, aber das ist die Realität. Vielleicht sind diejenigen, die diese Ausreden glauben, diejenigen, die den Platz in den Vorständen freimachen sollten: Wir sind schließlich im 21. Jahrhundert.”

Sie betont allerdings auch, dass wir uns auf einem guten Weg befinden. “Jedoch gibt es viele Gründe, optimistisch zu sein. Die Kombination aus geschlechtsspezifischer Lohnlückenberichterstattung und der verstärkten Konzentration auf Gleichstellung und Diversität im Allgemeinen durch verantwortungsvolle Unternehmen hat bereits dafür gesorgt, dass immer mehr Frauen in den Aufsichtsräten zu finden sind. Obwohl wir noch einen langen Weg vor uns haben, können wir durch die Zusammenarbeit von Regierung, Arbeitgebern und ihren Angestellten (sowohl Männern als auch Frauen) echte Gleichstellung in unser Leben bringen.”

VIELE UNTERNEHMEN ERFÜLLEN IHRE PFLICHT, ANDERE NICHT…

Seit etwa zwei Jahren sind die ca. einhundert börsennotierten deutschen Unternehmen mit in der Regel mehr als 2000 Mitarbeiter*innen dazu verpflichtet, frei werdende Aufsichtsratsposten mit Frauen zu besetzen – bis etwa 30 Prozent des Gremiums weiblich sind. Viele der Unternehmen haben ihre Pflicht bereits erfüllt. Von 27,4 Prozent in 2016 stieg der Frauenanteil inzwischen auf 30,1 Prozent in 2017. Einige Aufsichtsräte hinken allerdings hinterher, da andere die gesetzliche Vorgabe übererfüllen und damit für das positive Ergebnis sorgen, heißt es im Wochenbericht vom 1.2.2018 des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Speziell in den Vorständen herrscht allerdings noch immer Nachholbedarf. Von den 200 größten Firmen Deutschlands, waren demnach nur etwa acht Prozent in Frauenhand. Das Ergebnis unterscheidet sich nicht von dem ein Jahr zuvor.

LETTLAND UND FRANKREICH GEHEN MIT GUTEM BEISPIEL VORAN

Den höchsten Anteil an Frauen in Führungspositionen hat Lettland. Er beträgt hier stolze 53 Prozent – Lettland ist der einzige Mitgliedsstaat, indem Frauen in diesem Bereich sogar die Mehrheit darstellen. Die Letten sind damit absoluter Spitzenreiter und haben an dieser Stelle eine klare Vorbildfunktion. Hier spielt es wirklich keine Rolle, ob man ein Mann oder eine Frau ist. Hier können alle den Weg an die Spitze meistern – wenn sie das Zeug dazu haben und es wollen. Gleichberechtigung scheint tief in der lettischen Mentalität verankert zu sein. Eine Frauenquote gibt und gab es hier nicht. Auf den nachfolgenden Plätzen kommen übrigens Bulgarien, Polen, Irland, Estland, Litauen, Ungarn, Rumänien, Schweden und Frankreich, die einen Frauenteil zwischen 40 Prozent und 44 Prozent in den Führungsriegen verzeichnen können.

Speziell in Frankreich spielt das Thema “Gleiches Geld für gleiche Arbeit” derzeit noch eine ganz besondere Rolle. In den kommenden drei Jahren sind Arbeitgeber per Gesetz dazu verpflichtet, Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen auszugleichen. Denn egal ob in einer Führungsposition oder nicht: Frauen verdienen noch immer deutlich weniger. Um dem entgegenzutreten, verhängt Frankreich künftig Geldstrafen bei Nichteinhaltung, teilte Premierminister Édouard Philippe Anfang März 2018 mit. Dass diese von einigen als drastisch empfundene Maßnahme jetzt so plötzlich ins Rollen kam, liegt vor allem daran, dass laut französischem Gesetz Frauen und Männer bereits seit 45 Jahren gleiches Geld für gleiche Arbeit erhalten müssten – woran sich, ohne eine entsprechende Maßnahme offenbar kaum einer halten wollte. Kontrolliert werden soll das Ganze über eine spezielle Software, die auf die Lohnabrechnungssysteme der Unternehmen zugreifen kann. In den kommenden Jahren sollen zunächst Firmen mit mehr als 250 Mitarbeiter*innen kontrolliert werden – bis 2020 soll die Zahl allerdings immer weiter nach unten korrigiert werden, sodass sich kein Unternehmen mehr vor einem Lohnausgleich drücken kann.

Wie das statistische Bundesamt mitteilt, verdienen Frauen in Deutschland bei gleicher Qualifikation noch immer etwa sechs Prozent weniger als Männer. Der sogenannte unbereinigte Gender Pay Gap, der den Unterschied im durchschnittlichen Stundenlohn aufzeigt, liegt derzeit sogar bei 21 Prozent. So hatten Frauen 2017 einen durchschnittlichen Bruttostundenlohn von 16,59 Euro, Männer hingegen von 21 Euro.
Um die Lücke zu schließen, könnte es helfen, öfter einmal nach Lettland und Frankreich zu schauen. Denn, so abgedroschen es auch klingen mag: Wo ein Wille ist, ist IMMER auch ein Weg!

Share:

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

Kommentieren