Darf man über Rassismus lachen?

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: privat
Claudia Marisa schaut nachdenklich auf die Alster in Hamburg
Auch wenn es nicht immer gleich offensichtlich ist: Rassismus und Sexismus spielen im Alltag eine Rolle. Ich persönlich habe es oft genug erlebt. Vor allem über ein ganz bestimmtes Erlebnis und meine Unfähigkeit, zu reagieren, ärgere ich mich auch Jahre später noch.

In den letzten Tagen habe natürlich auch ich die Rassismus- und Sexismus-Debatte um den Smoothie-Hersteller true fruits mitverfolgt. Es ging um Werbeslogans für einen Smoothie in einer schwarzen Glasflasche wie: »Schafft es nur selten über die Grenze«, »Unser Quotenschwarzer« und »Noch mehr Flaschen aus dem Ausland«, die nicht neu, aktuell aber der Auslöser für einen erneuten Shitstorm sind. Säfte mit Chiasamen wurden mit Sprüchen wie »Oralverkehr – Schneller kommst du nicht zum Samengenuss« oder »Bei Samenstau gut schütteln« beworben. Falls du von dem inzwischen sehr hitzigen Streit nichts mitbekommen hast, habe ich dir am Ende meiner Kolumne einen zusammenfassenden Artikel verlinkt.

Wo Liebe wächst, gedeiht Leben – wo Hass aufkommt, droht Untergang.

Mahatma Gandhi

„Ja, wir sind diskriminierend“

An dieser Stelle möchte ich dir von einem persönlichen Erlebnis erzählen, an das ich durch die Geschehnisse rund um true fruits mal wieder erinnert wurde. Zur Erläuterung vorweg: Die Vorwürfe an das Unternehmen, es würde Rassismus und Sexismus propagieren, wies true fruits natürlich zurück – doch auf eine Art und Weise, die die Massen in zwei Lager spaltet. In der vergangenen Woche hieß es bei Instagram: »Ja, wir sind diskriminierend«, inklusive eines Disclaimers mit der Warnung »Achtung, diese Werbung könnte von dummen Menschen falsch verstanden werden.« In der Stellungnahme heißt es weiter, das Unternehmen mache sich mit Slogans wie »Schafft es nur selten über die Grenze« gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus stark. Wer das nicht verstehe, habe eben Pech gehabt, an der Art ihrer Kommunikation werde die Firma auch in Zukunft nichts ändern.

Kein Verständnis für Betroffene

In den Kommentaren unter dem Posting klatschen viele Menschen Beifall und stimmen zu, dass diejenigen, die sich angegriffen fühlen, zum einen einfach nur dumm und zum anderen zu – wortwörtlich! – »humorbehindert« seien. Andere sind wütend und traurig und können nicht verstehen, wie man auf so eine Art und Weise mit Kritik und den Gefühlen der Menschen umgehen kann, die sich durch die unsensible Kommunikation angegriffen fühlen. Auch wenn ich bisher ebenfalls zu den »true fruits«-Liebhaberinnen gehörte (mein absoluter Favorit: der Green Smoothie mit Spinat, Grünkohl und Matcha), bin auch ich der Meinung, dass etwas mehr Sensibilität dem Unternehmen gutgetan hätte und dass inzwischen nur noch lachen kann, wer selber nicht von Rassismus betroffen ist.

Die Zeit mag Wunden heilen, aber sie ist eine miserable Kosmetikerin.

Mark Twain

Ich bin kein Nazi & das ist der Beweis…

Schon im Kindergarten wurde ich mit Worten wie Neger, Bimbo, Ausländer oder Schoko beschimpft. Ich wurde geschubst, ich wurde aufgefordert, wieder nach Afrika zu gehen, und ich wurde verprügelt. Ich fand das unbeschreiblich schlimm, und als in Deutschland geborene deutsche Staatsbürgerin, die noch nie woanders gelebt hatte, auch noch doppelt ungerecht. Heute werde ich mit derartigen Anfeindungen nur noch ganz selten konfrontiert. Aber auf einer Hochzeit vor einigen Jahren ist mir Folgendes passiert: Ich befand mich auf der Tanzfläche, jeder tanzte mit jedem, und es herrschte eine ausgelassene Stimmung. Plötzlich stand ein mir bis dahin unbekannter Mann neben mir. Er zückte sein Handy, streckte seinen Arm aus, grinste und fragte mich, ob er ein Foto mit mir machen könne. Ich ahnte nichts Böses (so naiv werde ich nie wieder sein) und stimmte zu. Nachdem er sich bedankt hatte, sagte er: »Super, das Foto ist für Facebook. Jetzt können alle sehen, dass ich kein Nazi bin.« 

In diesem Moment wusste ich nicht, wie mir geschah. Ich konnte nicht glauben, was der Typ da gerade getan und gesagt hatte. Ich stand unter Schock und bereue bis heute, dass mir in dem Moment keine angemessene Reaktion eingefallen ist und ich vor allem nicht sofort laut darauf bestanden habe, dass er das Foto vor meinen Augen löscht. Denn klar ist: Hätte er mir direkt gesagt, wofür er das Foto mit mir braucht, hätte ich natürlich abgelehnt. Für mich war diese Aktion rassistisch. In meiner Welt ist so etwas völlig absurd und ergibt keinen Sinn. Dennoch glaube ich nicht, dass er es böse gemeint hat, er wusste es einfach nicht besser. Doch in solchen Momenten verlange ich gesunden Menschenverstand, Respekt und eben ein wenig mehr Sensibilität.

Der gesunde Menschenverstand ist nur eine Anhäufung von Vorurteilen, die man bis zum 18. Lebensjahr erworben hat.

Albert Einstein

Wo bleibt der Respekt?

True fruits ist ein Unternehmen, das von Anfang an für Kontroversen gesorgt und gerade durch seine frechen Sprüche und einen vorbildlichen Nachhaltigkeitsgedanken ziemlich schnell an Beliebtheit gewonnen hat. Ja, über Humor lässt sich durchaus streiten und ich möchte an dieser Stelle keinen der einzelnen Slogans auseinandernehmen. Denn deutlich schlimmer als die Slogans selbst finde ich, und das möchte ich mit meinem ganz persönlichen Beispiel zeigen, wie hier auf die Empörung unzähliger Menschen reagiert wurde. Unterschiedliche Menschen interpretieren unterschiedlichste Dinge nun mal völlig verschieden – was natürlich unter anderem auch an der Summe ihrer gemachten Erfahrungen liegt. Und selbst wenn jede einzelne Kampagne und jeder einzelne Spruch gut oder zumindest nicht böse gemeint war – was ich hier auch gar nicht anzweifeln möchte – (auch der Typ von der Hochzeit hat es vermutlich wirklich nicht böse gemeint), finde ich es einfach wenig sinnvoll, alle, die den »Witz« nicht verstanden haben, pauschal als »dumm« zu bezeichnen. Fehlinterpretationen hin oder her: Am Ende sollte es doch immer um ein respektvolles Miteinander gehen – und von Respekt ließ sich im »true fruits«-Streit in den letzten Tagen leider nur sehr selten sprechen.

Meinen Spinat-Grünkohl-Matcha-Smoothie mache ich mir dann jetzt übrigens lieber selbst.

Hier findest du weitere Fakten zur »true fruits«-Debatte.

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Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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