Ein Wiedersehen nach 10 Jahren

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Dennis Kayser
Ein Wiedersehen nach 10 Jahren
Am vergangenen Wochenende fand mein erstes Jahrgangstreffen statt. Nach zehn Jahren fiel es mir nicht nur schwer, mich an Namen zu erinnern, sondern auch an Gesichter…

Als die Einladung zum Jahrgangstreffen kam, zögerte ich keine Sekunde, meine besten Freundinnen zu kontaktieren, um unverzüglich zu klären, ob wir gemeinsam zu dem Treffen gehen würden. Nachdem Paula mir erklärt hatte, dass sie zu diesem Zeitpunkt eventuell im Urlaub sein würde, und Sophia ihre Entscheidung vom Ausgang ihrer Examensprüfung abhängig machen wollte, rutschte die Einladung in den vergangenen Wochen nicht nur in meinem E-Mail-Postfach immer weiter nach unten. Auch gedanklich entfernte ich mich immer weiter von einem Wiedersehen – oder auch einem Neu-Kennenlernen – nach 10 Jahren. Denn – und ich muss ehrlich sein – auf einen langen Abend voller Small Talk und sich ständig wiederholender Fragen und Antworten hatte ich eigentlich keine Lust. Mit den vertrauten Freundinnen stellte ich mir das Ganze allerdings sehr viel lustiger vor.

Einen Tag vor Anmeldeschluss wusste ich dann Bescheid: Paula würde nicht dabei sein, Sophia noch immer nur vielleicht. Und ich? Ich beschloss, mich einfach anzumelden und erst kurz vorher zu entscheiden, ob ich wirklich hingehen würde. Das einzige Risiko waren die 30 Euro Vorschuss für Buffet und DJ, deren Verlust ich hätte ertragen können. Doch so weit kam es dann letztlich doch nicht. Sophia sagte zu und holte mich sogar ab. Doch auf dem Weg zur Location bekamen wir ein mulmiges Gefühl. Bis zuletzt spielten wir mit dem Gedanken, doch noch umzukehren und einfach ins Kino zu gehen oder eine Pizza zu bestellen. Nach einem tiefen Seufzer stiegen wir dann doch bei der Location aus und gingen mit kleinen, langsamen Schritten, direkt auf unsere Vergangenheit zu.

Wer bist du jetzt? 

Draußen vor der hübschen Scheune, die sich meiner Meinung nach perfekt für Hochzeiten eignen würde, standen bereits einige Mädels zusammen und begrüßten sich. Ich freute mich besonders, diejenigen umarmen zu können, die ich länger nicht gesehen hatte, zu denen der Kontakt in den letzten Jahren aber nicht völlig abgebrochen war. Und dann umarmte ich Menschen, an deren Gesichter ich mich erinnern konnte – doch an mehr auch nicht. In welcher Klasse sie gewesen waren und – noch wichtiger – wie sie hießen, wollte mir einfach nicht einfallen. Ab diesem Zeitpunkt spulte ich immer wieder das Standardprogramm aus einem freundlichen Lächeln, einer beherzten Umarmung und einem netten “Wie geht’s dir?” ab. Bei vielen hätte ich die letzte Frage eigentlich noch durch ein “Wer bist du denn?” ergänzen müssen. “Wer bist du jetzt?” ist übrigens auch eine gute Frage, die sich vor und nach dem Abendessen mehrfach stellte. Nach Grillkäse und Gemüse ging es um Hochzeiten, Jobs, Kinder, aktuelle Wohnorte und Zukunftspläne. Was mir sofort auffiel: Für Vergangenes war kein Platz. Ein In-Erinnerungen-Schwelgen blieb während der Unterhaltungen völlig aus. Schade eigentlich, denn rückblickend war meine Schulzeit vor allem eines: verdammt lustig. Heute sind wir alle irgendwie ernster. Zumindest einige von uns. Eine ehemalige Mitschülerin, neben der ich früher oft gesessen habe, gab mir dann aber doch noch das Gefühl, dass sich kaum etwas verändert hatte. Bei ihr bin ich mir sicher, dass wir auch heute noch genauso viel Spaß hätten, wie damals im Deutschunterricht.

In uns allen schlummern die »Big Five«

Insgeheim hatte ich mir also erhofft, dass es ein bisschen mehr wie früher sein würde. Doch Menschen verändern sich – vor allem, wenn so viel Zeit vergangen ist. Obwohl ich einige Leute sogar seit der ersten Klasse kenne, sind sie mir inzwischen fremd. Sie nehmen andere Rollen ein als früher. Aus der Zicke ist eine verantwortungsvolle Frau geworden, die ihren Job liebt. Der nervige Klassenclown ist zu einem liebevollen Vater gereift. Und anstelle des lauten, hibbeligen Mädchens steht eine anerkannte Geschäftsfrau vor mir. 

In der Psychologie wird übrigens von fünf Charakterzügen gesprochen, die in jeder Person schlummern, den sogenannten Big Five (ich denke da eher an afrikanisches Großwild…): Umgänglichkeit, Zuverlässigkeit, emotionale Stabilität, Extraversion und Offenheit für Erfahrungen. Im Interview mit Spiegel Onlineerklärt Psychologin Ursula Staudinger dazu: “Man hat auf der ganzen Welt, quer durch die Kulturen, im Laufe des Lebens ähnliche Veränderungen festgestellt: Über die Lebensspanne hinweg nehmen Zuverlässigkeit, Umgänglichkeit und emotionale Stabilität zu. Dafür muss man gar nichts Außergewöhnliches tun, außer in einem menschlichen Gemeinwesen zu leben und die Dinge zu erledigen, die dort über die Jahre auf eine Person zukommen.” So einfach ist das also. Obwohl ich immer wieder gern behaupte, dass ich mich seit der Schulzeit kaum verändert habe, würde mein Umfeld mir sicher etwas anderes sagen. Auch meine “Big Five” scheinen sich optimiert zu haben – und das, ohne dass ich bewusst etwas dafür tun musste.

Und das wird offenbar noch so weitergehen: “Bis vor kurzem herrschte in der Persönlichkeitspsychologie die Auffassung, dass mit etwa 30 Jahren der Charakter ausgebildet ist und dann auch so bleibt. In den vergangenen Jahren haben aber Längsschnittstudien gezeigt, dass sich die Persönlichkeit während des gesamten Lebens verändern kann. Auch hat man neue Tests entwickelt, mit denen sich die Veränderung besser messen lässt. Jetzt merkt man, dass sich auch bei Älteren noch sehr viel tut. Das Veränderungspotential unserer Psyche ist sowohl kognitiv wie auch emotional immens. Das ist eine große Stärke des Menschen und begründet vielleicht seine hohe Überlebensfähigkeit auf dem Planeten Erde”, erklärt Ursula Staudinger weiter.

Instagram: Ein Medium das große Worte ersetzt

Zurück zum Klassentreffen: Während mehr oder weniger peinliche Bilder in einer endlosen Slideshow an die Wand geworfen wurden, unterhielt ich mich mit einem ehemals guten Freund über sein teils kompliziertes Verhältnis zu seinen Eltern und das Leben mit seinem Sohn – eine wirklich rührende Geschichte. Wie sich unsere Persönlichkeit verändert hatte zeigte sich auch in einem Gespräch über den für uns inzwischen so wichtig gewordenen Schlaf – also das hätte es früher nie gegeben… Ein paar Leute wussten hingegen auch ohne große Worte ganz genau über mich Bescheid. Wir stellten fest, dass Instagram einige von uns näher zusammenbringt, als wir bisher gedacht hatten. 

Enttäuscht bin ich von unseren Lehrern. Die, die gekommen waren, ließen sich an einer Hand abzählen – ein minimaler Bruchteil des Kollegiums. Dabei hätte ich so gern der einen oder dem anderen erzählt, was aus der – ja, ich gebe es zu – faulen und manchmal ziemlich albernen Mädchen geworden ist. 

Nach dem Abend steht für mich fest, dass wir alle noch immer ganz spezielle Rollen einnehmen. Doch eben solche, von denen wir früher nichts geahnt hätten, solche, die sich von denen aus der Schulzeit deutlich unterscheiden. Welche meine speziell an diesem Abend war, finde ich auch im Nachhinein schwer zu beurteilen… Und ob ich beim nächsten Mal wieder dabei bin? Das würde mein heutiges Ich ganz sicher erst einen Tag vorher entscheiden.

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Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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