Lohnt es sich, für die große Liebe zu kämpfen?

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Lukas Papierak
Strahlende Braut am Altar
Verliebtsein ist ein tolles Gefühl. Alles ist aufregend und ständig dieses Bauchkribbeln… Doch ich möchte diese Phase lieber nicht noch einmal erleben.

Vor einiger Zeit bekam ich unweigerlich ein Gespräch zwischen zwei Männern mit – ich schätze sie auf Mitte 40. Sie unterhielten sich über Liebesbeziehungen und darüber, wie schwierig es für sie persönlich sei, die richtige Partnerin zu finden. Vor allem, da sie inzwischen so lange Single seien und es mit dem Alter immer schwieriger werde, lang gepflegte und gehegte Angewohnheiten wieder abzulegen. Sie waren sich einig, dass es nicht mehr so leicht sei, Kompromisse einzugehen. Auch wenn sie sich verliebten, würde sich erst im Alltag herausstellen, ob sich das Verliebtheitsgefühl überstehen und in eine ernsthafte Beziehung inklusive starkem Gefühl der Liebe transferieren ließe. So könnten Kleinigkeiten, wie dass er lieber sehr früh aufstehe und sie gern bis 12 Uhr mittags im Bett liegen bleibe, ein Punkt sein, der über ein mögliches Ende der Beziehung entscheide. »Möchte ich den Rest meines Lebens alleine frühstücken – oder soll ich mich neu umschauen?« – lautete die Frage, die einer der beiden am Ende des Gesprächs stellte. 

»Wow, du bist einfach echt jung!«

Diese Unterhaltung hat mich zum Nachdenken gebracht. Denn meistens, wenn ich in den letzten Jahren neue Leute kennenlernte und es zu einem intensiveren Gespräch kam, wurde ich zur Exotin erklärt, wenn ich offenbarte, dass ich mit meinen jungen Jahren seit 11 Jahren in einer Beziehung und inzwischen sogar verheiratet bin. Fragen und Aussagen wie: »Hast du nie darüber nachgedacht, doch noch einmal jemand anderen zu daten?« oder »Wie ist es möglich, dass du dir sicher sein kannst, dass er wirklich der Richtige ist?« und »Wow, du bist einfach echt jung!« bekomme ich immer wieder zu hören.

Ein Prinz für die Ewigkeit

Doch – und das ist vermutlich eine Typfrage – hatte ich nie ernsthaft das Gefühl, ich könnte etwas verpassen, sobald ich mich fest auf jemanden einlasse. Ich gehörte auch nie zu den Menschen, die ihr Glück unbegründet infrage stellten und aus einem Bauchgefühl heraus von einer Beziehung in die nächste schlidderten. Als ich mich zum allerersten Mal verliebte, hatte ich sogar die romantische Vorstellung, dass diese erste große Liebe auch meine letzte sein könnte. Als begeisterte Märchenfilm-Liebhaberin glaubte ich fest daran, dass so etwas möglich sein kann. Nachdem mir nach dieser Beziehung noch einige weitere Male das Herz gebrochen wurde (was übrigens nicht dazu führte, dass ich den Glauben an das große Glück verlor) lernte ich mit gerade einmal 17 Jahren meine zweite große Liebe kennen.

Außerhalb meiner heilen Märchenwelt wurde mir also häufig suggeriert, dass es eher ungewöhnlich sei, in so jungen Jahren eine Person kennenzulernen und anzustreben, mit dieser auch den Rest des Lebens zu verbringen. Als ich noch einmal über das Gesagte der beiden Männer nachdachte, fühlte ich mich jedoch mehr als bestätigt. 

Verknallt sein, das kann doch jede(r)!

Verknallt sein, das kann doch jede(r)…

Während viele Menschen ein Problem damit haben, sich fest zu binden, weil sie hoffen oder auch befürchten, es könnte dort draußen doch vielleicht noch einen passenderen Deckel für sie geben, könnte ich mir gerade nichts Nervigeres vorstellen, als mich noch einmal in eine andere Person zu verlieben und diesem Gefühl auch nachzugeben. Ich bin trotz allem realistisch und schon der Meinung, dass wir Menschen uns natürlich mehrmals im Leben verlieben können – auch, wenn wir in einer festen Beziehung stecken. Gegen die eigenen Gefühle sind wir machtlos. Doch gibt es für mich eben einen großen Unterscheid zwischen »verliebt zu sein« und jemanden »von ganzem Herzen zu lieben«. Die Liebe ist ein Prozess – sie entwickelt sich im Laufe der Zeit. Verknallt sein, das kann doch jede(r). Erst wenn die Verliebtheitsphase vorbei ist, fängt die wahre Liebe erst richtig an – und auch die zuweilen harte Arbeit. Die größte Herausforderung in einer langjährigen Beziehung ist es, sich nicht vom Alltag auffressen zu lassen. Doch wer es schafft, dem entgegenzuwirken, wird belohnt.

Wissenschaftlich belegt: Der Unterschied zwischen »Liebe« und »Verliebtsein«

» ›Liebe‹ und ›Verliebtsein‹ weisen auf der einen Seite bestimmte Gemeinsamkeiten auf: Beide Gefühle sind durch die unverzichtbaren Merkmale ›starke Zuneigung zum Partner‹, ›Freude über das Zusammensein mit ihm‹ und ›Zärtlichkeit‹ charakterisiert«, schreibt Prof. Dr. Ulrich Mees (53), Psychologe am Institut zur Erforschung von Mensch-Umwelt-Beziehungen der Universität Oldenburg. »Gleichzeitig lassen sich aber gravierende Unterschiede ausmachen: ›Verliebtsein‹ ist wesentlich gekennzeichnet durch das Verspüren ›körperlicher Empfindungen‹ (also den berühmten ›Schmetterlingen im Bauch‹, dem Herzklopfen, Kniezittern usw.) in Anwesenheit der geliebten Person. […] Dagegen hat ein Verliebter kein ›Vertrauen‹ in die geliebte Person, ist zu ihr nicht ›offen und ehrlich‹ und will keine ›Verantwortung‹ für sie übernehmen. Gerade diese Merkmale sind nun aber zentrale Bestandteile der Liebe. Zusätzlich ist diese noch gekennzeichnet durch die unverzichtbaren Merkmale: Wertschätzung des Partners, Trauer bei Ende der Liebe, Mitfreude, sehr gutes Verständnis, enge Verbundenheit und Akzeptieren von Schwächen.«

Manchmal bin auch ich noch verliebt

Mein Mann und ich kennen uns inzwischen in- und auswendig. Wir sind ein eingespieltes Team und uns nach all der langen Zeit natürlich auch ähnlich geworden. Das geht sogar so weit, dass wir nur noch selten ganz bewusst Kompromisse eingehen – alles spielt sich im Hintergrund und ganz natürlich ab. Wir kennen unsere Bedürfnisse und Grenzen. Und das würde ich für nichts in der Welt aufgeben wollen. Ja, und hin und wieder bin ich auch tatsächlich noch in ihn verliebt. Zum Beispiel im Urlaub oder nach einem für mich durch und durch perfekten Wochenende – da fällt es mir auch nach 11 Jahren Beziehung schon mal schwer, ihn am Montagmorgen aus dem Haus gehen zu lassen…

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Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

2 Kommentare

Ray
#1 — vor 1 Monat 2 Wochen
Eine Frau zu finden, die genauso wie Du es beschreibst für einen empfindet - und es einen auch spüren lässt - welches Glück könnte größer sein?
Claudia Marisa Alves de Castro
#1.1 — vor 1 Monat 1 Woche
Hallo Ray,
vielen Dank für deinen lieben Kommentar! :)

In reply to #1 by Ray

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