Bilden Medien die Stimmung in der Gesellschaft richtig ab?

Words by Jana Ahrens
Photography: Orlando Gutierrez
Frau sitzt vor einem Sofa auf dem Fußboden und ließt eine brasilianische Zeitung
Gute Nachrichten sorgen für Energie und Motivation, die Welt noch ein bisschen besser zu machen. Warum also berichten Medien vermehrt über schlechte Nachrichten?

Vor einer Weile veröffentlichte ZEIT ONLINE einen Artikel mit dem Titel Was nicht in der Zeitung steht. Der Autor Martin Spiewak stellt sich darin die Frage, ob es um die Welt wirklich so schlecht bestellt ist, wie es die Nachrichten vermuten lassen. Als Beispiel erfindet er Überschriften, die faktisch wahr sind, so aber in keiner Zeitung zu lesen sind, weil es sich ausschließlich um gute Nachrichten handelt. Im Anschluss zitiert er Forscher, die sich mit dem Phänomen der einseitig negativen Weltsicht befassen und als Gegenmittel einen „faktengesättigten Optimismus“ propagieren. 

Schlechte Nachrichten haben im Gehirn Vorfahrt.

Der Artikel trifft einen wunden Punkt. Denn irgendwo zwischen Lifestyle-Optimierungs-Ratgebern und politischen Dystopien spannen sich die Nerven der Leser*innen wie Drahtseile. Alle sehnen sich nach guten Nachrichten. Doch die größere Reichweite haben schon seit Jahrhunderten die schlechten News. Das liegt daran, dass unser Gehirn evolutionär negative Erfahrungen und Warnungen bevorzugt behandelt, um uns vor Gefahren zu schützen. Dieser Schutzmechanismus nennt sich negative kognitive Verzerrung. Er führt allerdings auch in relativ sicheren Zeiten dazu, dass wir unsere Aufmerksamkeit  leichter in Richtung negativer statt  positiver Nachrichten lenken lassen.   

The Upsite… ist eine Möglichkeit, die Dinge zu erzählen, die gut gelaufen sind - die Geschichten, über die nicht berichtet wird, weil niemand schrie oder starb.

The Guardian

Die britische Tageszeitung The Guardian möchte diesem Phänomen etwas entgegensetzen und bietet deshalb unter der Überschrift The Upside einen wöchentlichen Newsletter ausschließlich mit Artikeln an, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft machen könnten. Nach dem Motto: Wenn wir die guten Neuigkeiten nicht in Konkurrenz zu den schlechten anbieten, vielleicht werden sie dann mehr gelesen. Zitat aus dem Newsletter im Januar 2019: „[…] dies ist […] eine Möglichkeit, die Dinge zu erzählen, die gut gelaufen sind – die Geschichten, über die nicht viel berichtet wird, weil niemand schrie und niemand starb.“ Und dann folgen Links zu Artikeln, die eine Chance für erfolgreiche Friedensverhandlungen im Jemen aufzeigen, die den achtzigprozentigen Rückgang der Nutzung von Plastiktüten in Australien beschreiben und die darüber berichten, dass der weltweite Niedergang von Demokratien 2018 (zum ersten Mal seit 5 Jahren) gestoppt werden konnte.

 

Die gute Nachricht: es gibt weniger Armut. Die schlechte Nachricht: die Arm-reich-Schere wird größer.

 

Es ist sicherlich hilfreich, sich beim Konsumieren von Nachrichten ab und an darauf zu besinnen, dass die Auswahl des Gelesenen und Gesehenen unsere Weltsicht beeinflusst. Schließlich wundern wir uns auch nicht, dass unsere Stimmung kippt, wenn wir monatelang nur Portishead hören und Psychothriller gucken. Doch wenn Martin Spiewak für Optimismus plädiert, weil statistisch immer weniger Menschen an extremer Armut leiden und sich nur 16 % aller Deutschen benachteiligt fühlen, dann hapert es manchmal auch an der Auswertung der Daten. Denn die Zahl der  Bitterarmen sinkt zwar, doch es sinkt auch die soziale Aufwärtsmobilität. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. Alle die wenig haben, haben geringere Chancen auf Mehr, während 82% des weltweiten Wachstums auf den Konten von 1 % der reichsten Menschen der Welt landen.  

 

Am Ende bleibt der Klimawandel

 

Dazu kommt die global ungewisse Langzeitperspektive. Stichwort Klimawandel: Selbst der Wissenschaftler Seven Pinker, erklärter Fortschrittsgläubiger und „Possibilist“ – also jemand, der überall Möglichkeiten sieht –, gesteht in seinem Buch Aufklärung jetzt ein, dass es bezüglich des Erdklimas „alarmierende Fakten“ gäbe, die wir dringend adressieren müssten. 

 

Der Mix aus guten und schlechten Nachrichten sollte stimmen.

 

Doch woher soll die Energie kommen, um all diese Themen in Angriff zu nehmen und ein besseres Leben zu führen? Dafür sind Optimismus und Fortschrittsgläubigkeit unerlässlich. Auch wenn sich die Ideen dazu, was Fortschritt eigentlich ist, stark unterscheiden mögen. Manche wünschen sich ein globales Mindesteinkommen, Nachhaltigkeit und weniger globalen Handel, andere die Abschaffung jeglicher wirtschaftlicher Reglementierungen und den Ausbau der Atomenergie. 

 

Nicht alles ist gut, aber vieles ist besser

 

Wirklich an einen Verbesserungsprozess zu glauben macht erforderlich, sich gründlich mit Vor- und Nachteilen dieser einzelnen Entwicklungen zu befassen. Deshalb reicht es leider nicht, einfach zu sagen: Es ist alles gar nicht so schlimm wie wir denken. Läuft schon. Aber es hilft enorm, sich genauso die positiven Entwicklungen vor Augen zu führen wie die problematischen. Nur sie liefern genug Hoffnung und Energie, um Potential für eine Entwicklung freizusetzen, die zu noch mehr positiven Nachrichten führen. 

 

Was ist dir wichtig? 

 

Doch woher soll die Energie kommen, um all diese Themen in Angriff zu nehmen und ein besseres Leben zu führen? Dafür sind Optimismus und Fortschrittsgläubigkeit unerlässlich. Auch wenn sich die Ideen dazu, was Fortschritt eigentlich ist, stark unterscheiden mögen. Manche wünschen sich ein globales Mindesteinkommen, andere die Abschaffung jeglicher wirtschaftlicher Reglementierungen und den Ausbau der Atomenergie. 

 

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Politik

Jana Ahrens

Chefredakteurin

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit der Mode und mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Sie interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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