Die Plazenta als wichtiger Nährstofflieferant: Wahrheit oder Aberglaube?

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Omar Lopez auf Unsplash
Schwangere Frau
Du bist schwanger oder hast gerade ein Kind bekommen? Dann hast du dir vielleicht Gedanken darüber gemacht, was mit deiner Plazenta passieren soll. Entsorgen, einpflanzen oder sogar essen? Die Meinungen über den richtigen Umgang mit dem sogenannten Mutterkuchen gehen weit auseinander…

Plazenta: Was sie kann und wofür sie gut ist

Die Plazenta… Bei allen, die gerade nichts mit Schwangerschaft oder Geburt zu tun haben, sorgt der Begriff eher für Stirnrunzeln. Für alle anderen kann dieses Thema wirklich interessant sein. Immerhin ist die Plazenta ein wichtiger Bestandteil des Kinderkriegens. Über die Nabelschnur ist der Mutterkuchen mit dem ungeborenen Kind verbunden. Er versorgt es über viele Blutgefäße mit Nährstoffen und Sauerstoff. Die sogenannte „Plazentaschranke“ sorgt dafür, dass viele Schadstoffe und Krankheitserreger von unserem Baby ferngehalten werden. Die Schranke schützt allerdings nur bedingt und schafft es daher nicht, alle Risiken fernzuhalten. Aus diesem Grund wird zukünftigen Müttern unter anderem auch dringend vom Rauchen abgeraten.

Die Plazenta, auch Fruchtkuchen oder Nachgeburt genannt, besteht aus einer mütterlichen und einer kindlichen Seite. Während die mütterliche Seite eher schwammig und vom Aussehen her mit einer Leber zu vergleichen ist, ist die kindliche Seite glatt und glänzend. Gegen Ende der Schwangerschaft ist die Plazenta etwa tellergroß, 500 Gramm schwer und drei Zentimeter dick. Ist das Baby geboren, dauert es zwischen wenigen Minuten und einer Stunde, bis die Nachgeburt vom Körper abgestoßen wird. Viele Mütter beschreiben die dafür nötigen Kontraktionen als schmerzhaft, aber bei Weitem nicht so intensiv, wie die eigentlichen Geburtswehen. Direkt nach dem Ausscheiden der Plazenta untersuchen Arzt oder Hebamme deren Form, Gewicht und Aussehen. Mit dieser Untersuchung können Rückschlüsse auf die Schwangerschaft und den Gesundheitszustand von Mutter und Kind gezogen werden. Wird die Plazenta nicht vollständig ausgestoßen, muss sie instrumentell entfernt werden. Sie kann sonst gefährliche Blutungen und Infektionen auslösen.

Plazenta: Das kann nach der Geburt mit ihr geschehen

So viel zu den Fakten. Das Kind ist da, die Plazenta ebenfalls. Und was passiert jetzt? Während viele Säugetiere die Plazenta nach der Geburt direkt verspeisen, bevor diese anfangen kann zu verwesen und durch den Geruch Feinde anzulocken, gibt es für die frischgebackenen Eltern mehrere Möglichkeiten:

Entsorgen: In Absprache mit der Hebamme oder dem Krankenhaus wird die Nachgeburt nach den nötigen Untersuchungen einfach entsorgt. In den meisten Geburtskliniken ist dies bislang der Normalfall.

Baum pflanzen: Zunehmend wird es auch bei uns in Deutschland Tradition, dass Eltern die Plazenta mit nach Hause nehmen, um sie im Garten zu vergraben und einen Baum darauf zu pflanzen.

Spenden: Nach der Geburt kann der Mutterkuchen auch dem Krankenhaus oder einer anderen Einrichtung zu Forschungszwecken zur Verfügung gestellt werden.

Lotusgeburt: Einige Eltern möchten die Plazenta nicht aktiv vom Kind trennen. Die Nabelschnur wird also nicht wie üblich abgeklemmt. Kind und Plazenta bleiben eine Einheit, bis sich die Nabelschnur ­– nach drei bis zehn Tagen ­– von selbst löst. Das nennt sich Lotusgeburt.

Essen: Im Netz gibt es dafür Rezepte und Tipps. Diese reichen von roh direkt nach der Geburt über die Zubereitung als Lasagne oder Smoothie bis hin zur Kapselform. Auch Vegetarierinnen ist das Essen erlaubt. Doch ist das wirklich gesund für Mutter und Kind?

Was nach der Geburt mit der Plazenta passiert, kann jeder selbst entscheiden

 Mutterkuchen essen – besser nicht?

Angeblich soll das Essen der Plazenta Blutungen kurz nach der Geburt stoppen, gegen Depressionen helfen, die Milchbildung ankurbeln, Schmerzen lindern, eine schnelle Auffüllung der Eisenspeicher bewirken und das Hautbild verbessern.

Prof. Dr. med. Kai J. Bühling, Frauenarzt aus Hamburg, ist sich sicher, dass der Verzehr der eigenen Plazenta keinen Nutzen hat. Im Gegenteil: Er weist auch auf die Schadstoffe hin, die sogar einen negativen Effekt haben können: “Die Idee, die eigene Plazenta zu essen, ist schon recht alt. Viele Frauen denken dabei an Beispiele aus der Tierwelt. Es gibt auch Frauen, die auf der Plazenta ein Bäumchen pflanzen. Tatsächlich aber hat der Verzehr der Plazenta keinen Nutzen. Es ist weder nachgewiesen, dass weniger Depressionen auftreten, noch trägt die Plazenta signifikant zur Eisenrückgewinnung bei. Vielmehr enthält sie mögliche Schadstoffe, die sich in der dünnen Wand und dem Blutkreislauf des Ungeborenen ablagern.” Dennoch bieten immer mehr Firmen an, Teile der Plazenta und Nabelschnur zu Kapseln oder Globuli zu verarbeiten. Prof. Dr. med. Kai J. Bühling hält diese Angebote allerdings für „reine Geldschneiderei“.

Bharati Corinna Glanert ist zweifache Mutter. Sie glaubt an die heilende Wirkung und Kraft der Plazenta – auch für ihre Kinder. “Es ist so, dass viele Eltern gar nicht Bescheid wissen und ihre Plazenta nach der Geburt einfach in der Klinik lassen. Und leider sagen auch viele Hebammen gar nicht, wie kraftvoll eine Plazenta sein kann. Es gibt auch sehr viele Hinweise dafür, dass Plazenta, die man nach der Geburt in verschiedensten Formen zu sich nimmt, die Frau extrem stärkt”, erklärt sie.

Damit meint Bharati allerdings nicht die Zubereitung zu einer Suppe oder einem Smoothie – das findet sie eher krass. Nach der Geburt ließ sie aus einem Stück Nabelschnur und Plazenta Globuli herstellen. Die kleinen Kügelchen halfen ihr nicht nur, nach der Geburt wieder schneller auf die Beine zu kommen. Auch Erkältungen wurden sie und ihre Kinder so schneller los. Direkt nach der Geburt, die selbstbestimmt bei ihr zu Hause stattfand, nutzte sie die Wirkung der Plazenta, um ihre Blutungen zu stillen. Dafür legte sie ein Stück Plazenta unter ihre Zunge und behielt dieses für mehrere Stunden dort. Das Gefühl beschreibt sie im Nachhinein als angenehm und nicht etwa eklig oder ungewöhnlich.

Es gibt keine Studie, die einen besseren Effekt als die Placebowirkung zeigt, die meisten Studien hierzu sind auch ohne Kontrollgruppe.

– Prof. Dr. med. Kai J. Bühling, Frauenarzt

Auch wenn Bharati die heilende Wirkung der Plazenta schätzt, rät sie Müttern dazu, nicht zu viel Plazenta zu sich zu nehmen. Auch sie weiß, dass der Mutterkuchen wie ein Filter arbeitet und deshalb Giftstoffe enthält. Wie schädlich das sein kann, zeigt ein Fall aus den USA. Dort war ein Neugeborenes an einer Streptokokken-Sepsis erkrankt, nachdem die Mutter selbst Kapseln mit getrocknetem Plazentagewebe eingenommen und über die Muttermilch auf ihr Baby übertragen hatte.

So wie Bharati geht es allerdings vielen Frauen. Sie fühlen sich gut dabei und glauben an die heilende Wirkung. Dass Placebos eben doch einen Effekt haben, ist bereits wissenschaftlich nachgewiesen. Doch die Schulmedizin scheint sich in diesem Fall trotzdem einig zu sein. Auch als wir bei Dr. Ulrich Groh, Chefarzt der Klinik für Gynäkologie, Geburtshilfe und Senologie in Bad Nauheim, nachfragen, rät er nicht nur klar vom Verzehr des Mutterkuchens ab. Er weist ebenfalls auf Studien hin, die derzeit alle zu den gleichen Ergebnissen kommen: “Ob ein Nutzen der Aufnahme der Plazenta über die Nahrung beim Menschen besteht, wurde in einigen Studien untersucht – es konnten keine positiven Effekte festgestellt werden.”

Er geht lediglich davon aus, dass die Plazenta in Zukunft noch viel mehr Platz in der Forschung finden wird. “Nabelschnurblut, Nabelschnurgewebe und Plazenta sind ganz besondere „Produkte“ des weiblichen Körpers. Sie enthalten Stammzellen mit einzigartigem Potential, die bereits medizinische Verwendung finden. Ihr therapeutisches Potential wird intensiv beforscht. Ich gehe davon aus, dass die Bedeutung dieser Zellen weiter zunehmen wird und halte es für wahrscheinlich, dass Plazenta und Nabelschnur in Zukunft keine „Wegwerfprodukte“ mehr sein werden. Stattdessen werden sie womöglich flächendeckend kryokonserviert, d.h. tiefgefroren zum Nutzen der Allgemeinheit aufbewahrt werden.”

Beide Experten haben ihren Patientinnen jedenfalls noch nie dazu geraten, ihre Plazenta nach der Geburt zu essen. Am Ende bleibt es jedoch jeder Familie und jeder Gebärenden selbst überlassen, ob sie einen Baum darauf pflanzt, Kapseln daraus herstellt oder sich dafür entscheidet, die Plazenta für alle Ewigkeiten in der Tiefkühltruhe aufzubewahren. Rein gesetzlich gesehen gehört die Plazenta übrigens den Eltern oder der Gebärenden – und die können damit natürlich machen, was sie wollen.

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Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

1 Kommentar

Elena
#1 — vor 3 Monaten
Ich habe die Plazenta gleich nach der Geburt aufgegessen. Gewaschen und gestückelt. Hat alles mein Mann zubereitet. Keine Blutungen bei mir, sofort Milch fürs Baby da, kein Gelbsucht, keine Depression nach der Geburt, keine Hormonschwankung. Würde noch mal machen.

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