Sexblockade: Wenn wir aufhören müssen nachzudenken

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Duncan Shaffer auf Unsplash
Frau auf Bett
Zu verkrampft und verkopft: Manchmal überkommt uns dieses lustkillende Phänomen, das uns an alles denken lässt, nur nicht an Sex. Loslassen ist leichter gesagt als getan…

Die Vorstellung ist doch immer ähnlich: Da ist diese Person, die du so sehr begehrst. Sie schaut dich mit vertrauensvollen Augen an, die lustvoll sagen: „Ich will Dich! Und zwar sofort!“ Ganz selbstverständlich fangt ihr an, euch zu küssen, Klamotten fliegen auf den Boden. Eure Körper verschmelzen immer weiter ineinander, bis die Lust ihren Höhepunkt erreicht. Nur euer lautes Atmen und Stöhnen ist zu hören, immer wieder wechselt ihr die Stellung. Und dann ist es endlich so weit: Eine Explosion, die an einen Vulkanausbruch erinnert, überkommt euch zeitgleich. Erschöpft sinkt ihr in die Kissen, lächelt euch an, küsst euch. Alles ist, besonders in diesem Moment, so unglaublich perfekt.

Damit Sexualität entstehen kann, muss ein hochkompliziertes Zusammenspiel vieler Faktoren gegeben sein

Doch die Realität kann unter Umständen ganz anders aussehen: Du hattest schon seit Wochen keinen Sex mehr, weil es sich im Alltagsstress irgendwie nicht ergeben hat. Ihr kommt euch näher, habt euch sogar extra Zeit genommen. Nach einer kurzen Knutscheinheit übernimmt das Ausziehen jeder für sich selbst. Ihr müsst immer wieder unterbrechen. Die Position ist unbequem und ständig blitzen To-dos im Kopf auf, die eigentlich schon längt erledigt sein sollten. Außerdem fragst du dich, ob du zugenommen hast und das deinem Partner wohl aufgefallen ist. Zusammenreißen. Konzentrieren. Am Ende war es dann zwar doch irgendwie schön (oder zumindest toll, dass es überhaupt mal wieder passiert ist), aber trotzdem eben nicht so, wie du es dir vorgestellt hattest. Doch warum ist das so? Und wie sollen wir uns fallen lassen, wenn in unseren Köpfen ständig so unglaublich viel los ist?

Wie funktioniert unsere Sexualität?

Vor allem bei Paaren, in deren Beziehung es grundsätzlich sehr gut läuft, können solche Situationen für großes Kopfzerbrechen sorgen. Und so einfach ist die ganze Sache gar nicht zu erklären, denn: „Damit Sexualität entstehen kann, muss ein hochkompliziertes Zusammenspiel vieler Faktoren gegeben sein“, schreibt Dr. Elia Bragagna, Psychotherapeutin und Leiterin der Akademie für Sexuelle Gesundheit. Im Gehirn gibt es das sogenannte Gefühlszentrum, das auch als Sex-Zentrum bezeichnet wird. Dieses reagiert auf Außenreize wie den Geruch, den Anblick oder bestimmte Berührungen einer Person. „Die eintreffenden Signale lösen, wenn sie positiv bewertet werden, Nervensignale aus, die eine sexuelle Erregung bewirken können. Diese Nervensignale gelangen über das Rückenmark bis zu den Geschlechtsorganen, wo bei der Frau und beim Mann in derselben Art und Weise die Schwellkörper (der Klitoris/des Penis) mit Blut gefüllt und dadurch zum Geschlechtsverkehr bereit werden.“

Wenn Kopf und Körper nicht mitspielen…

Zusätzlich wird unsere Sexualität vom limbischen Zentrum im Gehirn bestimmt. Hier sind die angenehmen, aber auch die unangenehmen Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens gemacht haben, gespeichert. Kommt es zu sexuellen Situationen, fließen die damit verbundenen Gefühle jedes Mal unbewusst mit ein. „Das limbische System leitet Gefühle, die wir als unangenehm gespeichert haben, an die Sexualzentren weiter. Dadurch wird eine Sexualität, auch wenn wir größte Lust danach hätten, erschwert“, erklärt Dr. Elia Bragagna weiter.

Der Performancedruck ist groß

Wir stellen fest: Viel zu oft vergessen wir, wie komplex unsere Sexualität wirklich ist. Da ist es kaum verwunderlich, dass wir alle im Laufe unseres Lebens irgendwann mal Probleme mit der Sexualität erleben. Mischen sich unter die tiefsitzenden Erfahrungen und Ängste, die sich immer wieder an die Oberfläche schleichen, auch noch Stress und ungünstige Umstände, macht der Kopf dicht. Und wie wir gerade gelernt haben, geht ohne den nicht besonders viel. Dann sind da noch unsere zum Teil unrealistischen Vorstellungen. Wie es zu sein hat, wird uns ein Leben lang vorgegaukelt. Nämlich so, wie eingangs beschrieben. Wenn der Sex nicht unfassbar leidenschaftlich war und beide zum Höhepunkt gekommen sind, war es automatisch schlecht. Doch wenn wir ehrlich zu uns sind, wissen wir doch selbst ganz genau, dass das nicht stimmt. Wir Frauen kommen im Allgemeinen “schwerer” zum Orgasmus. In einer Studie, die im Fachblatt “Archives of Sexual Behavior” veröffentlicht wurde, gaben die Wissenschaftler an, dass nur etwa 65 Prozent der Frauen häufig zum Orgasmus kommen. Bei den Männern sind es 95 Prozent. Als abschließendes Fazit der Studie gaben sie an, dass im Grunde jeder zum Höhepunkt kommen kann. Jedoch sei es besonders wichtig, über die eigenen Fantasien und Wünsche zu sprechen und gegenseitig darauf einzugehen.

Doch was ist, wenn das Problem mit einer realistischeren Erwartungshaltung und einem ehrlichen Gespräch nicht beseitigt werden kann? Die negativen oder unangenehmen Erfahrungen tief im limbischen System verankert sind? Anzeichen für eine tiefsitzende Störung sind neben sexueller Lustlosigkeit, Erektionsstörungen und Erregungsabbruch auch Schmerzen beim Sex. Nach dem Geschlechtsverkehr fühlen sich Betroffene oft unruhig. Wein- oder Lachanfälle, Kopfschmerzen und Gereiztheit sind ebenfalls nicht ungewöhnlich. Können körperliche Ursachen ausgeschlossen werden, kann in solchen Fällen tatsächlich eine tiefersitzende sexuelle Störung vorliegen. Eine solche Blockade kann nur in den seltensten Fällen im Alleingang durchbrochen werden. Wer erkennt, dass etwas nicht stimmt, hat die Möglichkeit, sich an einen Sexualtherapeuten zu wenden. Ob allein oder mit dem Partner – je nach Schwere der Störung braucht es manchmal nur wenige Stunden, bis sich Kopf und Körper allmählich von den Ängsten und Unsicherheiten frei machen.

Eine große Portion Geduld, Verständnis und Liebe gehört auf dem Weg zu einem erfüllten und zufriedenstellenden Sexleben natürlich immer dazu!

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Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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