Japanische Geschenkkultur

Words by Annekathrin Walther
Photography: Kira auf der Heide
Frau, die ein Geschenkpaket in Richtung Kamera reicht.
Wie verhält es sich in anderen Kulturen mit dem Schenken? Ein Blick nach Japan zeigt: Geben geht nicht ohne Nehmen. Und: Mehr als 30 Sekunden und flinke Finger sind nicht nötig, um ein Geschenk schick zu verpacken.

Weihnachten steht vor der Tür und damit die Jahreszeit, in der sich alle den Kopf über das Schenken zerbrechen. Mit diesem wundervollen Ritual sind ganz bestimmte Bedeutungen und Erwartungen verknüpft. Egal zu welchem Anlass: Vor allem mit dem Akt des Gebens verbinden wir etwas Positives.

Wer nicht gerade diplomatische Beziehungen pflegt, schenkt hierzulande vor allem im privaten Rahmen. Ein Geschenk soll persönlich sein und von Herzen kommen. Vor allem aber haben wir gelernt, dass das Schenken ein möglichst selbstloser Akt ist, der nicht zwingend bedeutet, dass eine Gegenleistung erbracht werden muss. Das ist nicht überall so: In Japan wird streng darauf geachtet, dass ein Geschenk in absehbarer Zeit mit einem ähnlich wertvollen Gegengeschenk erwidert wird.

Giri ist das Fundament der japanischen Geschenkkultur

Die japanische Tradition des Schenkens hat ihre Wurzeln im Shintoismus, einer der wichtigsten Religionen im Land. Im alten Japan brachten die Menschen den Göttern Opfer in Form von Lebensmitteln dar. Freundlicherweise schlugen sich die Götter aber nicht einfach selbst den Bauch voll, sondern gaben den Menschen ihre Opfer zurück, so dass im Anschluss gemeinsam gespeist werden konnte. Dieses Prinzip, auf Japanisch Giri genannt, ist bis heute tief in der japanischen Kultur verankert und das Fundament der japanischen Geschenkkultur. 

Das geht fix. In japanischen Kaufhäusern brauchen Mitarbeiter*innen unter dreißig Sekunden zum Verpacken eines Geschenks.

Insgesamt gibt es in Japan ungefähr 50 Anlässe im Jahr, zu denen man sich beschenkt. Dazu gehören private Feste. Neben diesen gibt es aber auch zahlreiche formelle Anlässe, wie zum Beispiel Oseibo im Dezember. An diesem Tag beschenkt man Menschen, mit denen man professionelle Verbindungen pflegt, eine Geschäftspartnerin, Lehrerin oder auch Vermieterin. Mit dem Geschenk bedankt man sich für ihre Freundlichkeit und die guten Beziehungen im vergangenen Jahr.  

Nur eine langweilige Kleinigkeit

Große Bedeutung haben in Japan außerdem Gastgeschenke. Zum guten Ton gehört, das Geschenk mit der Anmerkung zu überreichen, dass es sich nur um eine langweile Kleinigkeit handle. Es ist außerdem absolut üblich, im Zuge des Überreichens zu verraten, um was es sich bei dem Geschenk handelt. Bekommt man selbst ein Geschenk, sollte man mit dem Öffnen warten, bis man dazu aufgefordert wird. Kommt die Aufforderung, gilt es als unhöflich, sich direkt aufs Paket zu stürzen: Stattdessen wird das Geschenk noch ein bis zwei Mal abgelehnt, um dann schließlich mit der Bemerkung angenommen zu werden, dass es zu viel sei.

Im Sinne des Giri wird erwartet, dass ein Geschenk bei nächster Gelegenheit erwidert wird. Hierbei ist wichtig, möglichst etwas von vergleichbarem Wert zu schenken. Aufschluss über den Wert eines Geschenks kann schon seine Verpackung geben: Gerne werden originalverpackte Geschenke aus einem bestimmten Kaufhaus überreicht, deren Papier bereits andeutet, wie viel für das Geschenk ausgegeben wurde. Deshalb kann es auch passieren, dass ein Geschenk, das zu einem formellen Anlass übergeben wurde, nie ausgepackt wird. Stattdessen wird es gebunkert und zum nächsten Anlass wiederum als wertvolles Mitbringsel überreicht. 

Ein traditionelles Furoshiki-Tuch ist nicht eine besonders schöne und wertvolle Verpackung für ein Geschenk, sie ist auch wiederverwertbar und somit nachhaltig.

Wer möchte, dass die Verwandtschaft dieses Weihnachten nicht nur am Inhalt, sondern auch schon an der Verpackung ihre Freude hat, kann sich von Japan inspirieren lassen. Sowohl bei der Technik als auch beim Material kann man sich hier wertvolle Tipps holen: Edles Japanpapier – Chiyogami genannt – ist immer ein Hingucker, genauso wie die traditionellen – und umweltfreundlichen – Furoshiki-Tücher. Eine kleine Portion japanischer Geschenkkultur macht sich sicherlich unter jedem Tannenbaum gut.

Share:

Annekathrin Walther

Redakteurin

Annekathrin Walther spielt mit Text seit ihr Lesen und Schreiben möglich ist. Auf ihr Studium der LIteraturwissenschaft folgten Exkursionen ins Stadttheater und den Buchhandel. Seit 2013 liegt sie als Freiberuflerin vor Anker und schreibt als solche für Theater, Audio und Internet.

Kommentieren